Petition update

Exodus vieler Firmen oder demagogische Panikmache? — Xavier Sala i Martín klärt auf

Prof. Dr. Axel Schönberger
Germany

Dec 13, 2017 — In einem Artikel vom 12. Dezember 2017 (https://www.ara.cat/opinio/xavier-sala-martin-culpa-separatistes_0_1923407671.html) untersucht Xavier Sala i Martín den Wahrheitsgehalt der spanischen Propaganda, die ungeprüft auch von deutschen Medien übernommen ward, daß rund 3.000 Firmen Katalonien “wegen den Separatisten” verlassen und ihren Sitz nach Spanien verlegt hätten. Xavier Sala i Martín erinnert zunächst daran, daß der spanische Partido Popular, dessen Politiker seit Monaten den behaupteten Firmenexodus und den damit verbundenen angeblichen wirtschaftlichen Schaden für Katalonien postulieren, möglicherweise als korrupteste Partei Europas bezeichnet werden könne, da mehr als 900 Funktionäre zur Zeit unter Korruptionsverdacht stehen und manche Beschuldigte nur wenige Tage vor einer angesetzten richterlichen Vernehmung “zufällig” zu Tode kamen. Gleichzeitig werde gerade von den Führern dieser Partei immer wieder betont, daß sich alle an die Gesetze halten müßten.

Bezüglich der behaupteten “massiven Flucht” von Firmen aus Katalonien stellt Xavier Sala i Martín fest, daß bislang genau 332 Firmen ihren Sitz aus Katalonien verlegten. Wirtschaftliche Auswirkungen dieser (rechtlichen) Sitzverlegung seien bislang nicht spürbar. Es kam jedenfalls bislang zu keiner einzigen Verlegung einer Produktionsstätte, und offenbar hat bislang auch kein Angestellter oder Arbeiter weder der rechtlichen Sitzverlegung eine Kündigung erhalten. Zu Arbeitsplatzverlusten sei es indes gekommen, weil die spanische Regierung im Zuge der illegalen Anwendung des Artikels 155 der spanischen Verfassung katalanische Auslandsvertretungen geschlossen habe. Unter den Firmen, die ihren Sitz aus Katalonien weg verlegten, befinden sich nur wenige ausländische Firmen (vor allem Versicherungen). Offenbar scheint die seitens der Madrider Minderheitsregierung beschworene “Angst vor einer Unabhängigkeit Kataloniens” vor allem spanische Firmen befallen zu haben. Die zweite “Merkwürdigkeit”, die Xavier Sala i Martín hervorhebt, besteht darin, daß die meisten der spanischen Firmen, die ihren Sitz verlegten, entweder in stark staatlich regulierten Wirtschaftssektoren tätig sind oder direkt bzw. indirekt (wie etwa Zementfirmen) von staatlichen Aufträgen des Zentralstaats abhängen. Und er kommt zu folgender Schlußfolgerung, die bislang deutschen Medien kaum bekannt zu sein scheint:

«Si a això hi afegim el fet que el comitè d’empresa de Seat va fer públic un comunicat en què explicava que havien rebut “pressions del govern i de la monarquia” perquè canviessin de seu, ens queda un relat ben diferent de la versió oficial: el govern espanyol i la monarquia van enviar missatges a totes les empreses catalanes incitant-les a canviar de seu. Implícitament a aquest missatge hi havia l’amenaça de represàlies per a aquelles que no ho fessin. Les empreses que depenen directament o indirectament de la regulació o de l’obra pública van cedir. Les altres (entre les quals hi ha la major part d’empreses estrangeres) no ho van fer. El que explica la suposada fugida, doncs, no és la por a la independència sinó la por a les represàlies d’un govern espanyol embogit fins al punt d’estar disposat a causar un cataclisme econòmic per tal d’evitar la independència.»

«Wenn wir dazu den Umstand hinzunehmen, daß der Vorstand der Firma Seat eine Mitteilung veröffentlichte, worin er erklärte, daß seitens der Regierung und der Monarchie Druck ausgeübt worden sei, den Unternehmenssitz zu verlegen, bleibt uns eine von der offiziellen Fassung ziemlich unterschiedliche Erzählung: Die spanische Regierung und das Königshaus schickten an alle katalanischen Firmen Botschaften und spornten sie an, ihren Sitz zu verlegen. Implizit war in dieser Botschaft die Androhung von Repressalien für diejenigen, die es nicht täten, enthalten. Die Firmen, die direkt oder indirekt von staatlicher Regulierung oder dem öffentlichen Bausektor abhängen, gaben nach. Die anderen (unter ihnen der größte Teil der ausländischen Firmen) taten es nicht. Das, was die unterstellte “Flucht” erklärt, ist also nicht die Angst vor der Unabhängigkeit, sondern die vor den Repressalien einer so sehr außer Rand und Band geratenen spanischen Regierung, daß sie sogar bereit ist, ein wirtschaftliches Erdbeben auszulösen, um die Unabhängigkeit zu verhindern.»

Zu den Firmen, die direkt oder indirekt von der spanischen Zentralregierung abhingen, seien einige katalanische Firmen gekommen, die auf spanische Kundschaft angewiesen seien (die Sektmarke “Cava”, zwei Banken sowie Versicherungen). Auch hier sei somit nicht die Angst vor einer Unabhängigkeit Kataloniens, sondern die Furcht vor einem Boykott durch spanische Kunden ausschlaggebend für den Sitzwechsel gewesen.

Xavier Sala i Martín beschließt seinen informativen Artikel mit folgenden Worten:

«L’episodi de la suposada “fugida massiva” d’empreses passarà a la història com un exemple més de la utilització de la neollengua: els causants de la fugida van ser el govern espanyol i els seus partits aliats, un monarca embogit i unes amenaces de boicot d’una població espanyola irritada que acomiadava la Guàrdia Civil amb crits d’“ ¡A por ellos! ” Però això no els impedeix repetir cada dia i sense que els caigui la cara de vergonya que la culpa és dels separatistes.»

«Die Episode der mutmaßlichen “massiven Flucht” von Firmen wird als ein Beispiel mehr des Gebrauchs der Neusprache [im Sinne von George Orwell] in die Geschichte eingehen; die Verursacher der Flucht waren die spanische Regierung und die mit ihr verbündeten Parteien, ein verrückt gewordener Monarch und einige Boykottdrohungen einer verunsicherten spanischen Bevölkerung, welche die Guardia Civil [sc. am 1. Oktober 2017, dem Tat des katalanischen Referendums] mit Schreien wie “Auf sie!” verabschiedete. Aber das hindert sie nicht daran, jeden Tat mit schamloser Dreistigkeit zu wiederholen, daß die Schuld bei den Separatisten liege.»

Als Quelle für die Angabe, daß bislang lediglich 332 Firmen ihren Sitz verlegt hätten, gibt Xavier Sala i Martín übrigens das Madrider Finanzministerium an.

Die deutsche Presse hat großenteils die Madrider Behauptung einer massiven Firmenflucht aus Katalonien übernommen und dabei noch nicht einmal recherchiert, wieviele Firmen insgesamt ihren Sitz in Katalonien haben. Bei einer sechsstelligen Zahl von in Katalonien registrierten Firmen wird man bei 332 Firmensitzverlegungen wohl man kaum von einer “massiven Flucht” von Firmen aus Katalonien sprechen dürfen, wie es der unter schwerem Korruptionsverdacht stehende Führer der spanischen Minderheitsregierung Mariano Rajoy mehrmals in irreführender Weise tat. Und überhaupt stellt sich die Frage, weshalb die spanische Zentralregierung eine rasche und unbürokratische Verlegung von Firmensitzen aus Katalonien nach Spanien überhaupt erst rechtlich ermöglichte, obwohl sie in franquistischer Tradition von der Unteilbarkeit des spanischen Staates ausging und klarstellte, daß sie die Unabhängigkeit Kataloniens nicht anerkennen werde. Es ist das Verdienst von Xavier Sala i Martín, auf die Widersprüche und Unwahrheiten der diesbezüglichen spanischen Propaganda aufmerksam gemacht zu haben, die in Deutschland — entgegen allen Richtlinien für eine gute, objektive Berichterstattung — von Medien wie beispielsweise der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ungeprüft und unkritisch übernommen wurde.


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