Prio für Bildung in Hessen: Perspektiven für Kinder und Jugendliche ab Klasse 7!

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Rund 250 000 Schüler:innen in Hessen warten auf eine Perspektive. Sie müssen - so die neue Verordnung der Landesregierung vom 10.02.2021 - bis auf Weiteres zu 100 Prozent im Distanzunterricht bleiben. Während für die unteren Klassen am 22.02.2021 der Wechselbetrieb beginnt, ändert sich für die Schüler:innen ab Klasse 7 nichts. Ausnahmen bilden die Abschlussklassen sowie die Q-Jahrgänge. Ob, wann und in welcher Form der Präsenzunterricht wieder für “infektiologisch vertretbar” gehalten wird - dazu gibt es bislang seitens des Kultusministeriums keine Aussage.

Die negativen Auswirkungen der Schulschließung bzw. des ausschließlich stattfindenden Distanzunterrichts für gerade erst 12-jährige Siebtklässler:innen genauso wie für 16-jährige Heranwachsende liegen auf der Hand: 

- Ohne Präsenzunterricht und damit ohne die persönliche Unterstützung von Lehrer:innen entstehen enorme Lernrückstände für alle betroffenen Schüler:innen.

- Dies gilt besonders, aber nicht nur für Schüler:innen aus bildungsbenachteiligten Familien. Die Bildungsungerechtigkeit wächst, die Chancengerechtigkeit nimmt weiter ab. 

- Schule als sozialer Raum, in dem der Austausch mit Gleichaltrigen stattfindet, ist gerade in dieser Altersgruppe dringend notwendig und fehlt komplett. 

- Ohne Schule und Freizeitangebote kommt es zu erheblichem  Bewegungsmangel. Auf der anderen Seite steigt die Bildschirmzeit dramatisch. Das führt zu einer Zunahme von Übergewicht, einer steigenden Anzahl psychischer Auffälligkeiten bis hin zu Depressionen und Suizidgedanken.

- Schule als Schutzraum für Kinder, die zu Hause von Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung betroffen sind, fehlt. Die Kinder sind damit vollkommen auf sich alleine gestellt. Gerade für diese Kinder macht jeder Tag, den sie früher zurück in die Schule dürfen,  einen Unterschied. 

Wir fragen uns: 

- Mit welcher Begründung bleiben die Schulen für die Jahrgänge ab Stufe 7 vollständig geschlossen?
- Wie werden Wissenslücken aufgeholt? 
- Wie werden psychische und physische Folgen durch soziale Isolation und Bewegungsmangel unter älteren Kindern verhindert?


Unsere Forderungen: 

1. Präsenzunterricht für alle Schüler:innen ab Klasse 7 mit Aussetzung der Präsenzpflicht für Risikogruppen und mit zusätzlichen Maßnahmen zum Infektionsschutz, siehe S3 Leitlinie (16).

2. Ein Stufenplan, der für Schüler:innen, Lehrer:innen und Eltern die für Schulen beschlossenen Maßnahmen nachvollziehbar und transparent macht.

3. Ein Konzept zum kontinuierlichen Schließen der Lernlücken, das nicht allein auf freiwilligem Ferienunterricht basiert.

Begründung:

- Schulen sind keine Infektionsherde. Es gelten dort bereits seit Mai strenge Hygienemaßnahmen, die dazu beitragen, das Infektionsgeschehen niedrig zu halten. Mehrere Studien belegen das.

- Das Gesundheitsamt Frankfurt am Main hat knapp 3.000 Schul-Kontaktpersonen von Covid-Positiven getestet. Unter diesen Schüler:innen waren nur ca. 2% ebenfalls positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Auch nach den Herbstferien, als die Inzidenz der Gesamtbevölkerung um das Zehnfache stieg, stieg die Positivquote bei den untersuchten Schüler:innen nur unterdurchschnittlich um das Doppelte von 1,8% auf 3,9%. (1)

- Die Untersuchung zeigt, dass auch bei hoher 7-Tage-Inzidenz in der Allgemeinbevölkerung (>200) im Schulsetting ein Positiv-Getesteter weniger als eine weitere Person infiziert. Dies und die niedrige Gesamtzahl der positiv auf SARS-CoV-2 Getesteten spricht weder für häufige Übertragungen in Schulen noch für eine erhebliche Dunkelziffer. (1)

- Zwar kommen Infektionen auch an Schulen vor, allerdings in deutlich geringerem Maße, als dies außerhalb von Schulen der Fall ist. So hat eine am Universitätsklinikum Leipzig über mehrere Monate geführte Studie ergeben, dass die Infektionen zwar stattfinden, aber nicht in einem Maß, welches Schulschließungen erforderlich macht. (2)

- Infektionen werden auch in Schulen seltener weitergegeben, als außerhalb von Schulen. (3,4) Zudem finden laut einer Auswertung des Gesundheitsamts Hamburg 80% der Infektionen außerhalb der Schule statt. (5)

- Im Stufenmodell der Kultusminister- konferenz von Ende 2020 wurde vereinbart, Schulen ab Inzidenz 200 und erst ab Klasse 8 ins Wechselmodell zu schicken. (6) Nun liegen die Inzidenzen weit darunter, trotzdem gibt es ab Klasse 7 nur Distanzunterricht. Um Schüler:innen eine Perspektive zu geben, muss daher transparent gemacht werden, auf Basis welcher Kriterien die Entscheidung für Wechsel- oder vollständigen Präsenzunterricht nun erfolgt. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) fordert beispielsweise einen Index, der die Überlastung des Gesundheitssystems mit einbezieht. (7) 

- Schule dient auch dazu, medizinische oder soziale Probleme aufzudecken. Dieser Schutzraum fehlt aktuell vielen Kindern und Jugendlichen. Die Kollateralschäden für Kinder und Jugendliche sind enorm. (8) Daten der Initiative Krisenchat, die ein digitales Angebot für Kinder in Notsituationen bieten zeigen: Im Januar diesen Jahres sind so viele Hilferufe von Kindern eingegangen wie in den Monaten Mai, Juni und Juli 2020 zusammen. An einem einzigen Wochenende kamen dort 1.500 Anfragen an. Dabei ging es um Angststörungen, Panikattacken aber auch Fälle von Gewalt und Missbrauch. Über 20% der Kinder und Jugendlichen, die sich dort melden, sind suizidgefährdet. (9) Auch die über mehrere Monate durchgeführte COPSY Studie der UKE Hamburg ergibt eine übermäßige psychische Belastung der Kinder durch die corona-bedingten Einschränkungen. “Belastet” sehen sich nach der Studie 4 von 5 Kindern, fast jedes dritte Kind weist psychische Auffälligkeiten auf. (10)

- Die Kinder und Jugendlichen der weiterführenden Schulen waren schon im Sommer 2020 die letzten, die wieder zur Schule gehen durften. Mit den derzeitigen Maßnahmen sind dieselben Kinder wieder die letzten, die in die Schule zurückkehren. Bei einer Rückkehr nach den Osterferien wären es insgesamt 4 Monate ohne Präsenzunterricht in der Schule. Nach einer Umfrage des Ifo-Instituts hat sich die Lernzeit der Kinder und Jugendlichen während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 halbiert. (11) Auch wenn sich der Digitalunterricht zwischenzeitlich verbessert hat, geraten diese Schüler:innen erneut stark in den Rückstand.

- Die Schule ist - neben dem Ort der Vermittlung von Bildung - auch ein wichtiger Lebensmittelpunkt für Kinder und Jugendliche, der ihnen aktuell genommen wird. Sie lernen in der Schule nicht nur, sie leben dort auch ihre Bedürfnisse nach Freundschaft und sozialem Austausch aus. (12) Jede Einschränkung dieser wesentlichen Bedürfnisse bedarf daher einer wissenschaftlich belegbaren Rechtfertigung. (13)

- Auch das Auftreten der neuen Virus-Varianten macht die vollständige Schließung für die Jahrgänge ab Klasse 7 nicht erforderlich. Wie die DGPI erklärt, schützen die bereits ergriffenen Hygienemaßnahmen auch vor den neuen Virus-Varianten (VOC). (14) Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass die neue Corona-Variante (anders als zunächst angenommen) unter Kindern und Jugendlichen nicht stärker verbreitet wird als in anderen Altersgruppen. (15) 

- Sollte zusätzlicher Infektionsschutz an Schulen notwendig sein, gibt es mildere Mittel, die weniger schwere Auswirkungen auf Schüler:innen haben als Schulschließungen. Die S3-Leitlinie (16) macht hierzu Vorschläge: 

  • Regelmäßige Schnelltests für Lehrer:innen und Schüler:innen.
  • Sofern die Lehrkraft den Mindestabstand von 1,5 m nicht einhalten kann: Pflicht zur Mund-Nasen-Bedeckung für die Lehrkraft.
  • Kostenfreie FFP2-Masken für Lehrkräfte.
  • Versetzter Unterrichtsbeginn und Einsatz von mehr Schulbussen.
  • Einbau von Luftfiltern in Räumen, in denen ein Lüften nicht möglich ist.

Quellen: 

  1. https://cdn.aerzteblatt.de/pdf/117/51/a2505.pdf?ts=16%2E12%2E2020+08%3A13%3A36:
  2. https://home.uni-leipzig.de/lifechild/schulerhebung-corona/ m.w.N.
  3. https://dgpi.de/stellungnahme-dgpi-dgkh-kinder-in-der-covid-19-pandemie-2020-02-05/
  4. https://cdn.aerzteblatt.de/pdf/117/51/a2505.pdf?ts=16%2E12%2E2020+08%3A13%3A36
  5. https://cdn.aerzteblatt.de/pdf/117/51/a2505.pdf?ts=16%2E12%2E2020+08%3A13%3A36
  6. https://kultusministerium.hessen.de/presse/pressemitteilung/eskalationskonzept-fuer-bildungseinrichtungen-konkretisiert
  7. https://dgpi.de/stellungnahme-dgpi-dgkh-kinder-in-der-covid-19-pandemie-2020-02-05/
  8. https://dgpi.de/stellungnahme-dgpi-dgkh-kinder-in-der-covid-19-pandemie-2020-02-05/
  9. www.krisenchat.de und Interview mit Kai Lanz bei Markus Lanz, 11.2.2021: https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-11-februar-2021-100.html
  10. https://link.springer.com/article/10.1007/s00787-021-01726-5 (wissenschaftlicher Artikel in englischer Sprache), Pressemitteilung COPSY Studie
  11. https://www.ifo.de/node/57298
  12. https://www.deutschlandfunk.de/neurobiologe-huether-ueber-lockdown-folgen-schule-ist-der.694.de.html?dram:article_id=491369
  13. https://dgpi.de/stellungnahme-dgpi-dgkh-kinder-in-der-covid-19-pandemie-2020-02-05/
  14. https://dgpi.de/stellungnahme-dgpi-dgkh-kinder-in-der-covid-19-pandemie-2020-02-05/
  15. https://dgpi.de/stellungnahme-dgpi-dgkh-kinder-in-der-covid-19-pandemie-2020-02-05/
  16. https://www.bmbf.de/de/die-s3-leitlinie-als-handlungsempfehlung-fuer-schulen-13722.html  (Einführung zur S3-Leitlinie), https://www.bmbf.de/files/027-076k_Praevention_und_Kontrolle_SARS-CoV-2-Uebertragung_in_Schulen_2021-02.pdf (wissenschaftliche Kurzfassung der S3-Leitlinie)