Offener Brief an Johanna Barthen und Thomas Buser

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Offener Brief an Johanna Barthen und Thomas Buser, Inhaber:innen des Architekturbüros Duktus und Eigentümer:innen der Gewerbeeinheiten im Mariendorfer Weg 4

Wir, die Unterzeichnenden, wenden uns an Sie, weil wir von Ihrer Kündigung und Räumungsklage gegen den Kiezschuster Dmitry Berger gehört haben.

Herr Berger betreibt seit 2006 den Schuhreparatur und Schlüsselladen im Mariendorfer Weg 4. Seit 2006 lebt er auch in den hinteren Räumen des Ladens, der damalige Besitzer und alle weiteres wussten und erlaubten dies. Herr Berger ist also beides, Werkstatt- und Wohnungsmieter. Wir gehen davon aus, dass Sie darüber beim Kauf der Räume informiert worden sind. Daher sind wir sehr erstaunt, dass Sie ihm trotzdem und mit kurzer Frist wegen Eigenbedarf, zur Vergrößerung Ihres Architekturbüros, gekündigt haben. Unseres Wissens nach kann Wohnraum nicht einfach und schon gar nicht mit den Fristen des Gewerbemietrechts gekündigt werden, um dort Gewerberäume zu betreiben.  

Im August dieses Jahres erschien der aktuellste Atlas zur Umweltgerechtigkeit Berlin, herausgegeben von der Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Klima- und Verbraucherschutz. Der Mariendorfer Weg gehört zum Kiez Silbersteinstraße, laut diesem Atlas ein dreifach belasteter Kiez: hohe Lärmbelastung, wenig Grünfläche und sozial benachteiligt. Außerdem wohnen die Menschen hier „überwiegend in einfacher Wohnlage“ (Zitat aus dem Atlas) 
Eine Verdrängung von hier lebenden Menschen und Gewerbetreibenden trifft also diejenigen, die sowieso schon schlechter gestellt sind. 
Ihre Kündigung gegenüber Herrn Berger und seinem Laden ist eine solche Verdrängung und sie macht uns große Sorgen. Nicht nur wegen Herrn Berger selbst, dem das seine Wohnung und seine Existenzgrundlage nimmt, sondern auch wegen uns als Nachbar:innen oder Bewohner:innen ähnlicher Kieze. 

Sie haben Herrn Berger Angebote für andere Gewerberäume von Internetseiten wie Immoscout in die Hand gedrückt und ihn aufgefordert, doch diese Räume zu mieten. Diese Angebote waren teils dreimal so teuer und am anderen Ende der Stadt. Welcher kleine Gewerbetreibende soll so eine Miete bezahlen können, erst recht wenn er seine gesamte Stammkundschaft verliert? 
Noch dazu muss Herr Berger bald sein Visum verlängern, das kann er nur, wenn er Arbeit hat. Einen Mietvertrag für einen anderen Laden oder eine andere Wohnung bekommt er aber oft nur, wenn sein Visum noch mindestens 2 Jahre gültig ist. Wie sollte Herr Berger also einen anderen Laden und eine andere Wohnung mieten, selbst wenn er es wollte?
Sie erzählen jetzt immer wieder, dass Sie Herrn Berger nicht verdrängen, sondern ihm helfen wollten, etwas anderes zu finden, "aber er wollte nicht".
Finden Sie sich dabei nicht selbst unanständig??

Gerade Sie als Architekt:innen kennen sich sicher auch mit Stadtentwicklung aus, also damit, dass es nicht nur um die Bedingungen und Verdrängung einzelner Mieter:innen oder Gewerbetreibender geht – sondern um die Entwicklung die ein ganzer Kiez, ein ganzer Bezirk und eine ganze Stadt machen. 
Wenn in Berlin seit Jahren immer mehr hochpreisige Wohnungen gebaut oder einfache Wohnungen luxussaniert werden, steigt die Miete für alle, weil der Mietspiegel stark steigt. Mit den hochpreisigen Wohnungen kommen die teuren Büros und Läden für die besser gestellten neuen Bewohner:innen, während kleine Gewerbetreibende verschwinden, weil sie die teuren Gewerbemieten nicht bezahlen können. Für die alteingesessenen Bewohner:innen verschwinden damit die Gewerbe und Geschäfte in der Nähe, die sie für ihre alltäglichen Bedürfnisse brauchen. Gerade für sozial schlecht gestellte und alte Menschen macht das den Alltag noch mühsamer. 
Herr Berger ist einer der letzten, der Schuh- und Lederreparaturen in Nordneukölln und Kreuzkölln anbietet, deshalb kommen seine Kund:innen schon jetzt aus dem Umkreis von mehreren Kilometern zu ihm. Die von Ihnen erzwungene Schließung seines Ladens würde für uns menschlich und lebenspraktisch eine weitere tiefe Lücke reissen. Sollen wir irgendwann bis an den Stadtrand fahren um unsere alltäglichen Bedürfnisse erfüllen zu können, weil in unseren Kiezen nur noch teure Cafes und Büros existieren?

Vor einigen Monaten besuchte Sie eine Nachbarin und bat Sie, die Kündigung zurückzunehmen. Ihr haben Sie angeblich gesagt, Sie wollen doch nur in diesem Kiez dazugehören.
Denken Sie, dass Sie das erreichen, in dem Sie einen alteingesessenen Nachbarn und sein, für uns als Nachbar:innen unverzichtbares, Kleingewerbe verdrängen? 

Wir appellieren daher an Sie: stellen Sie die Räumungsklage gegen Herrn Berger ein und nehmen Sie die Kündigung zurück!

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Info-Kanal: t.me/Dmitry_bleibt

Kontakt: dmitrybleibt@riseup.net

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Artikel über den Fall:

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Erstunterzeichner*innen:

  • Bündnis Zwangsräumung Verhindern
  • Kiezteam Neukölln von Deutsche Wohnen und Co enteignen
  • Mieter*innengewerkschaft Berlin
  • Die Fraktion DIE LINKE in der BVV Neukölln
  • Bizim Kiez
  • Bündnis für bezahlbare Mieten Neukölln
  • Stadtteilladen Lunte
  • Kiezversammlung44
  • H48 / Bewohner*innen der Hermannstraße 48
  • Finow Ecke Weser e.V.
  • Coopdisco:
    • Aslı Varol, Architektin
    • Dagmar Pelger, Architektin
    • Franziska Ebeler, Architektin
    • Pedro Coelho, Architekt
    • Roberta Burghardt, Architektin
    • Steffen Klotz, Urban Designer und Stadtforscher
    • Anna Heilgemeir, Architektin und Künstlerin
  • fem_arc Kollektiv
  • Jesko Fezer, Gestalter, Berlin
  • Costanza Rossi, Architektin
  • Christine Gohlke, Stadtteilarbeit Reichenberger Kiez
  • Toni Kunau, Architekt
  • Dr. Doris Liebscher, Juristin
  • Anne-Kathrin Krug, Juristin
  • und viele weitere Nachbar*innen
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