Offener Brief an Bildungsministerin Anja Karliczek zum Bildungsversagen an uns Schülern

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Ein Brief gegen Furcht, Zwang und Zeitverschwendung

Sehr geehrte Frau Karliczek,
Ich gehe nun in die MSS 11 des Görres-Gymnasiums Koblenz. Mit der Schule kann ich kaum Spaß in Verbindung bringen. Stattdessen habe ich über ein Jahrzehnt einen enormen Hass auf unser Schulsystem entwickelt: Sie zwingt mich dazu, Dinge zu lernen, die ich gar nicht lernen möchte, ignoriert meine eigentlichen Interessen und beraubt mich somit meiner Freizeit. Mit diesem Hass bin ich alles andere als alleine.
Mehrere Jahre lang litt ich unter enormen Stress und konnte wegen der Schule häufig nur sehr wenig schlafen. Freizeit konnte ich kaum genießen – die Schule stand durchgehend im Mittelpunkt. Doch bin ich damit nie alleine gewesen: Freunde haben auch heute noch ähnliche Probleme. Meiner Schwester ergeht es nicht viel besser. Doch belastet sie, wie ich auch, nicht nur sich selbst, sondern – unbeabsichtigt – auch das Familienklima.
Mittlerweile habe ich mich von dem in der Schule eingetrichterten Weltbild abgewandt, richte mich nach meinen eigentlichen Interessen und bilde mich außerhalb der Schule weitaus effizienter weiter als unser Schulsystem es heute zulässt.
Doch leidet weiterhin fast jeder zweite Schüler an Stress, 30% aller Lehrer unter Burn-out und Erschöpfung. Jeder fünfte Schüler erhält Nachhilfeunterricht. Viele von uns Schülern verbringen einen Großteil ihrer Freizeit mit der Schule. Wir sollen alle zu Universalgelehrten á la Leibniz werden, doch verschwendet man damit nur unsere Zeit.
Richard David Precht beschreibt unser Schulsystem wie folgt:
„Ein Prozent Wissensstoff bleibt […] mutmaßlich von allem Gelernten übrig! Und dafür quälen sich unsere Kinder und Jugendlichen jeden Tag sechs bis neun Stunden pro Wochentag in der Schule herum, fürchten sich vor Klassenarbeiten, leiden unter Stresssymptomen, sammeln Frust an, belasten das Familienklima und lernen vor allem eins: wie man das Lernen hasst!“
Ich richte mich mit diesem Brief gegen Ihre Partei und ihre Politik. Es erscheint mir erbärmlich, dass Sie trotz der vielen Probleme am aktuellen Kurs festhalten und lediglich fordern, mehr Geld und ,,mehr Chancen“ in die Bildung zu bringen – was meinen Sie damit konkret und wie wollen Sie damit all die Probleme unseres Schulsystems lösen?
Ich richte mich mit diesem Brief somit auch an alle Schüler wie auch deren Eltern und möchte sie nun dazu animieren, unser Schulsystem zu hinterfragen und um Lösungen dieser Probleme zu kämpfen, damit wir endlich den nutzlosen Schulstress aus dem Alltag verbannen und mehr Freiheit genießen können.
Um ein falsches Bild von mir zu vermeiden und unverhofft den Inhalt dieses Briefes in eine falsche Ecke rücken zu lassen: Ich habe nicht das geringste Problem mit meinen Noten. Doch stellt für mich unser Schulsystem ein Versagen der Politik an uns Schülern dar und in diesem Brief mache ich Sie dafür verantwortlich.

Stress


Wie eingangs bereits erwähnt leiden 43% aller Schüler nach einer DAK-Studie unter Stress. Mit dem Alter nimmt der Stress sogar zu: Somit liegt die Rate bei 5.- und 6.-Klässlern bei 35%. Bei den 9.- und 10.-Klässlern liegt sie bereits bei 51%.
Weiter gibt die Studie an, dass etwa jeder zweite Schüler von Kopf-, Bauch. oder Rückenschmerzen betroffen sind. 35% der Schüler leiden unter Schlafstörungen, 32% beklagen Schwindel.
Außerdem sollen auch 30% aller Lehrer von psychischen Problemen betroffen sein. Die Schüler sind also nicht die einzigen. Nach einer weiteren DAK-Studie leidet sogar mehr als die Hälfte der Lehrer gesundheitlich stark unter Stress.
Soll man uns etwa so auf unsere Zukunft vorbereiten?
Viele von uns Schülern leiden in der Schule, da uns von Beginn an ein widersinniges Bild eingetrichtert wird: Nur wer sehr gute Noten erzielt, kann später Erfolg im Leben haben – da sind die US-Unternehmer Elon Musk, Mark Zuckerberg und Warren Buffett nicht alleine anderer Meinung.
Etwa 85% der bei einer Studie befragten Schüler gaben an, dass die Eltern sehr gute Noten verlangen würden.
Somit baut man einen immensen Druck auf diese Schüler auf. Denn dann spielt es gar keine Rolle mehr, welche individuellen Fähigkeiten und Interessen man hat. Wichtig ist nur noch der Erfolg bei den Noten.
Die einzige Motivation zum Lernen liegt also in den Noten und gar nicht darin, etwas zu lernen. Wie erfolgreich das System damit ist, kennen wir alle: Mittels Bulimie-Lernen wird dann vor einem Test oder einer Arbeit wie in einem Kurzzeitgedächtniswettbewerb möglichst viel Wissen in einen reingestopft – nur damit es danach wieder vergessen werden kann.
Etwa 1 Jahrzehnt schickt man uns also zu einem Ort, unter welchem viele leiden, welcher bei uns Schülern für Stress und Krankheiten verantwortlich ist, uns den Schlaf raubt, sowie Angst und Furcht verbreitet – was für ein Erfolg der Bildungspolitik!


Zeitverschwendung


Diese Art des Lernens führt letztendlich auch mit sich, dass die Zeit von uns Schülern schlichtweg verschwendet wird. Denn es wird viel Zeit dafür aufgewandt, doch hängenbleiben tut nur wenig.
Auch die eigentliche Freizeit neben der Schule gerät in Vergessenheit. Durch den Druck, welcher auf den meisten Schülern lastet, wird das Lernen häufig zur Hauptbeschäftigung in der Freizeit.
Zu der Art und Weise, wie sich in der Schule „gebildet“ wird, kommt noch der Inhalt an sich, welcher gelernt werden soll.
Fächerkanon und Lehrplan schreiben vor, welche Fächer wir in welchem Maße haben müssen und stellen in der Oberstufe dann die Bedingungen für die Wahl der Kurse. Dabei geht es zunächst ein Jahrzehnt lang von Deutsch und den Fremdsprachen über die MINT- und musischen Fächer hin zu den Gesellschaftswissenschaften, Religion und Sport.
Die Schulen sollen für eine gewisse Grundbildung sorgen. Doch geht diese Grundbildung in allen Fächern über ein Niveau hinaus, welches mir noch nachvollziehbar erscheinen würde.
Für eine Kunstklausur müssen wir zum Beispiel folgende Fachbegriffe auswendig lernen:

  • Euthynerie
  • Krepis
  • Sytylobat
  • Orthostat
  • Architrav
  • Cella
  • Triglyphen
  • Metopen
  • Geison
  • Sima
  • Giebelfeld

Bei keinem dieser scheint es mir wichtig sein, es zu kennen.
In allen Sprachen soll ich wissen, wie eine Textinterpretation auszusehen hat und wieso ein Autor bestimmte Wörter an bestimmten Stellen verwendet – dabei möchte ich im Englischunterricht lediglich das Englisch-Sprechen lernen.
Ich könnte noch weiter fortfahren, wie auch der Musik- oder Geschichtsunterricht meine Zeit verschwendet.
Anderen mögen die Fächer Spaß bereiten, doch langweilen diese mich nicht nur, sie verschwenden meine Zeit. Denn ich bin mir sicher: Ich werde diese Dinge für mein ganzes Leben weder benötigen noch werde ich sie im nächsten Jahr noch wissen!
Sowie mir ergeht es jedem meiner Mitschüler!
In den Naturwissenschaften und der Mathematik langweilt sich weit über die Mehrheit sprichwörtlich zu Tode – wozu brauchen sie auch die Kurvendiskussion und das Ohm’sche Gesetz? In den Fremdsprachen und Deutsch wird sich über jede Lektüre beschwert und dennoch wird jede von ihnen in jedes Wort seziert.


Mehr Individualität und noch mehr Freiheit


Ich werde in meiner Schule im Ausleben meiner Interessen beschränkt. So ist es mir in der Oberstufe nicht möglich, einen Schwerpunkt auf die Naturwissenschaften zu legen. Physik und Informatik sind gekürzt und in Chemie muss ich mich im Grundkurs langweilen, weil ich es nicht als Leistungsfach wählen darf. So beschwert sich auch jeder andere meiner Mitschüler über die strikten Vorgaben bei der Kurswahl.
Sie versprechen, mehr Geld in die digitale Ausstattung und die Chancen von uns Schülern zu investieren. Auch wenn dieses Geld benötigt wird, werden Sie so keines der größten Probleme von uns Schülern lösen können.
Oder sind Sie ernsthaft davon überzeugt, die Kurvendiskussion wäre für jeden Schüler gleich interessanter und relevanter für sein Leben bloß durch ein neueres Betriebssystem der Schulcomputer?
Wird durch ein Whiteboard weniger Freizeit von uns Schülern beansprucht?
Sind etwa die Kreidetafeln und die veraltete Software der Computer dafür verantwortlich, dass beinahe jeder zweite Schüler von der Schule gestresst ist?
Ich frage mich: Wozu all der Stress, die Angst und der Zwang, wenn so viel vom Gelernten vergessen und, aus Sicht der Schüler, gar nicht gebraucht wird. Wozu diese Zeitverschwendung?
Mit einem strikten Lehrplan und Fächerkanon erkennt man uns die Fähigkeit ab, kritisch zu hinterfragen, was wichtig für unser Leben ist. So oft habe ich meine Mitschüler und mich bereits fragen hören, wozu etwas wichtig zu wissen sei. So oft haben wir immer wieder dieselben Antworten erhalten: „Muss man halt wissen.“, „Das brauch' man für’s Abitur.“
Man nimmt uns so aber auch die Möglichkeit, unsere Persönlichkeit zu entfalten und unsere Interessen auszuleben. Unsere individuellen Fähigkeiten bleiben ebenfalls außer Acht.
Ich fordere nicht, dass wir Schüler generell weniger Unterricht haben. Vielmehr fordere ich, uns die Möglichkeit zu geben, uns bereits vor der Oberstufe auf unsere Interessen spezialisieren und auf lästige, zeitraubende Dinge verzichten und ab der Oberstufe seine Fächerkombination völlig frei wählen zu können.
Dies steht in keinerlei Widerspruch zu einer allgemeinen Grundbildung. Doch geht die unseres aktuellen Schulsystems weit über eine sinnvolle Menge hinaus. Auch scheint sie mir sehr ineffektiv zu sein: Die einen sind über-, die anderen unterfordert; nur der Durchschnitt kann sich mit dem Tempo zufriedengeben. So freut es mich immerhin, dass Sie sich mir in dieser Hinsicht fortschrittlich erweisen: Denn trotz einer individuelleren und selbstbestimmten Fächerkombination wird es auch weiter Differenzen in den Fähigkeiten der Schüler geben, sodass nur ein individuelles Lernen ein zufriedenstellendes Tempo bieten kann.


Im Folgenden möchte ich auf weitere Dinge eingehen, welche unser Schulsystem nicht ausreichend bietet.


Kritisches Hinterfragen


In den Gesellschaftswissenschaften wird der Aufbau der UNO und ein paar wenige Wirtschaftstheorien erklärt sowie Ereignisse des aktuellen Weltgeschehens genannt. Im Deutschunterricht wird gezeigt, wie ein Erörterung auszusehen hat.
Doch das kritische Denken und Hinterfragen spielen in keinem Fach eine wesentliche Rolle. Somit sind ein kritisches Hinterfragen und eine Meinungsbildung gar nicht nötig für schulischen Erfolg.
Wir lernen, wie eine Argumentation im Idealfall auszusehen hat. Wieso kommt dieses Wissen aber nicht praktisch zu Nutze, sodass im Unterricht mit den Mitschülern über die verschiedensten Dinge, wie zum Beispiel der Umgang und die eigene Verantwortung bezüglich des Klimawandels, die Sinnhaftigkeit eines Grundeinkommens, ob und wie man Internetkonzerne regulieren sollte oder auch die Gefahren durch die Nutzung sozialer Netzwerke, diskutiert wird, sodass wir Schüler durch Hinterfragen auch unsere eigene Meinung bilden können?
Dazu wäre natürlich auch Aufklärung notwendig – nicht nur die über Sexualität, Alkohol und Drogen. Durch Aufklärung darüber, welchen Beitrag man wie zum Klimawandel beiträgt, was Regulierungen und Deregulierungen in der Vergangenheit mit sich gebracht haben und andere Dinge wäre eine Meinungsbildung der Schüler auf Grundlage von Fakten möglich: Wir Schüler würden nicht nur unsere Meinung von Wahlplakaten, den Eltern oder anderen Autoritäten übernehmen, sondern – ganz nach der Forderung Kants – zu mündigen Bürgern werden.
Andere Fächer
Warum erhalten wir Schüler kaum ausreichenden Wirtschaftsunterricht? Viele Schüler besitzen kaum ein solides Grundwissen in Sachen Finanzen und Ökonomie. Während BadenWürttemberg eine Ausnahme darstellt, frage ich mich, warum es nicht flächendeckend ein klar definiertes Fach „Wirtschaft“ oder eines, welches ein Grundwissen bezüglich Finanzen und Ökonomie bietet, gibt.
Auch an digitaler Bildung mangelt es an unseren Schulen. Immerhin scheinen Sie dort etwas ändern zu wollen. Dies ist auch zwingend notwendig. Es gibt an einigen Schulen gar keinen Informatikunterricht und an vielen gibt es ihn erst ab der Oberstufe.
Mir und vielen anderen Schülern werden durch diesen Mangel Chancen genommen. Mir scheint es absurd, dass ich mehr darüber lerne, wie der Aphaia-Tempel in Ägina aufgebaut ist als über die Informatik.

Schlusswort


In Anbetracht all dieser Probleme wundert es mich, wie die Politik darauf reagiert. Keines dieser Probleme ist neu. Die meisten Eltern kennen sie noch aus der eigenen Kindheit. Doch Sie meinen, es reiche aus, einfach nur Geld in die Bildung zu schicken. Es scheint mir und meinen Mitschülern, als würden Sie keines dieser Probleme ernst nehmen oder seien gar an ihrer Lösung interessiert. Das Geld wird zweifellos benötigt. Doch hat die Vorstellung, Finanzspritzen würden ausreichen, bisher keine der von mir genannten Probleme lösen können.
Ich bin mir sicher, dass es noch viel mehr Probleme als die von mir genannten gibt. So hätte ich zum Beispiel noch auf die starren Jahrgangsstrukturen, die Rolle und Zukunft der Hausaufgaben, das Abitur, die Länge der Grundschulzeit, andere Fächer wie Gesundheit, Recht, Technik oder Handwerk oder auch die Chancenungleichheit in Bezug auf die soziale Herkunft eingehen können. Doch denke ich, die Länge reicht zunächst einmal aus.
Auch hätte ich noch mehr zu meinen Lösungsvorschlägen schreiben können. Allerdings ist es auch eigentlich Ihre Aufgabe, Lösungen für diese Probleme zu finden.
Deswegen fordere ich eine Stellungnahme sowie Lösungsansätze bezüglich der von mir genannten Probleme, dem Stress, der Zeitverschwendung, dem Mangel an meinungsbildenden sowie Informatik- und Wirtschaftsunterricht, in unseren Schulen.

Lassen Sie uns den lästigen Schulstress aus dem Alltag jeden Schülers verbannen! Lassen Sie uns Schüler uns auf unsere eigenen Interessensfelder konzentrieren und somit eine unnötige Zeitverschwendung beenden! Lassen Sie uns die Forderung Immanuel Kants nach selbstständigem Denken umsetzen, anstatt sie nur im Unterricht zu zitieren!
Geben Sie mir und meinen Mitschülern einen Grund, Sie und Ihre Partei in Zukunft zu wählen!

Viele Grüße,
Jannis Alsbach

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