Hindenburgstraße in Hannover nicht umbenennen!

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Eine Umbenennung der Hannoverschen Hindenburgstraße erleben die Bürger mit großem Befremden. Sie erscheint Hindenburgs Rolle in der Politik der Weimarer Republik nicht angemessen.

Hindenburg hat am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannt. Dies wird ihm jetzt zum Vorwurf gemacht, da er damit die Entstehung der Nazi-Diktatur ermöglicht oder ihr Vorschub geleistet hätte – aus der SPD teilweise mit größter Schärfe. Dieser Gedanke greift aber zu kurz, die damalige Situation muss genauer betrachtet werden.

(1) Unser heutiges Urteil über den NS-Staat beruht auf dem Rückblick auf das Parteienverbot, die willkürlichen Verhaftungen, die Konzentrationslager mit den Misshandlungen der Insassen, auf die Pogromnacht 1938 (damals zynisch-menschenverachtend als „Reichskristallnacht“ bezeichnet), auf den millionenfachen Mord an Juden und anderen Minderheiten und an die Verbrechen der SS und der Wehrmacht während des Krieges – auch könnte man den Krieg generell als Verbrechen bezeichnen, da es ein Angriffskrieg war.

Aber dies alles hatte sich 1933 noch nicht ereignet, war infolgedessen vollkommen unbekannt und unvorstellbar. Deshalb wusste natürlich auch Hindenburg von alledem nichts und konnte naturgemäß nicht seine Entscheidungen daran orientieren. Überdies ist er 1934 gestorben und konnte deshalb die Aktivitäten des NS-Regimes nicht weiter miterleben.

(2) Und die Bevölkerung stand der NSDAP noch jahrelang mit großer Anerkennung und Bewunderung gegenüber, es herrschte eine Aufbruchsstimmung. Bundestagspräsident Philipp Jenninger hat das in seiner Rede am 10. November 1988 zum 50-jährigen Gedenken an die Pogromnacht 1938 facettenreich skizziert und – sicher zutreffend – im Begriff „Faszinosum“ zusammengefasst. (Natürlich betraf das auch die sog. „bildungsfernen Schichten“: Eine Erzählung berichtet, dass vor den Reichstagswahlen im März 1933 ein Kreide-Schriftzug auf dem Straßenasphalt zu lesen war: „Nur Hitler kann uns reten“ – mit einem t).

(3) Hindenburg stand der Weimarer Republik reserviert gegenüber, hielt sich aber bis 1930 strikt an die Verfassung (Wikipedia. – Präsidialkabinette, Notverordnungen und auch die Auflösung des Reichstags durch den Präsidenten waren in der Reichsverfassung als Möglichkeiten vorgesehen §48 Abs.2, §25 Abs.1). Man sagt, er sei „Monarchist“ gewesen, heute wird auch „Antidemokrat“ gesagt. Aber so dachten damals viele Menschen. Nach Jahrzehnten des Kaiserreichs und anderer autoritärer Staatsformen muss Demokratie von den Menschen erst (kennen-)gelernt und eingeübt werden. Dementsprechend war die Demokratie der Weimarer Republik nicht in der Lage gewesen, stabile Verhältnisse zu bewahren, es war – unter dem Einfluss der Wirtschaftskrise – ein ziemliches Chaos entstanden (Präsidialkabinette, Notverordnungen).

Deshalb hoffte Hindenburg, durch Hitlers Ernennung wieder mehr Stabilität in der Politik herstellen zu können, was ja dann auch eingetreten ist. Auch sollte Hitler „das deutsche Volk über alle Standes- und Klassenunterschiede zu innerer Einheit zusammen führen.“ Auch das hat im Verlauf der Nazi-Herrschaft stattgefunden, die Deutsche Gesellschaft ist in dieser Hinsicht während der Nazi-Herrschaft nachhaltig modernisiert worden – ein bleibendes Verdienst der Nazizeit, auf das so gut wie nie hingewiesen wird, weil es ja so gar nicht in unser geliebtes Schwarzweiß-Denken passt.

(4) Hindenburgs Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 ist wenige Wochen danach durch die Reichstagswahl im März eindrucksvoll bestätigt worden. Die NSDAP erhielt zwar keine Mehrheit aber ein respektables Ergebnis von knapp 44 Prozent der Wählerstimmen. Damit konnte sie mit anderen Parteien zusammen das „Ermächtigungsgesetz“ durch den Reichstag bringen, durch das die Verfassung außer Kraft gesetzt und das Parlament aufgelöst, also die Weimarer Republik abgeschafft und die Nazi-Herrschaft etabliert wurde. Die Nazi-Diktatur ist also durch eine Mehrheitsentscheidung des Parlaments demokratisch legal herbeigeführt worden!.

(5) Kein Gesetz gilt rückwirkend – eine tragende Säule des Rechtsstaates. Und ganz genauso verhält es sich auch mit in der Bevölkerung etablierten Auffassungen und Wertvorstellungen, auch die sind zeitgebunden und verändern sich. D.h. wir dürfen grundsätzlich keinen Menschen, der vor langer Zeit gelebt und gewirkt hat, für sein Verhalten verantwortlich machen, wenn dies nicht unseren HEUTIGEN Vorstellungen entspricht!

So sollte Hannover also an den bis heute einzigen von der Bevölkerung direkt gewählten Staatspräsidenten, der ihr Ehrenbürger war (wie in über 3000 anderen Städten und Gemeinden) und dem sie eine Villa zum lebenslangen Nießbrauch überlassen hatte, in der er auch 6 Jahre lang (von 1919 bis zu seiner Wahl zum Reichspräsidenten1925) gewohnt hat, unbedingt mit einer Straße seines Namens erinnern! Die Benennung einer Straße nach einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens ehrt nicht nur diese Person sondern auch die vielen, vielen Menschen, die seine damals einzigartige Prominenz und Wertschätzung verkörpert haben.

Und mit einem Straßennamen huldigen wir keinem politischen Lager! (Hindenburg hat die Sozialdemokratie gehasst.)

Schließlich verläuft Hannovers Hindenburgstraße keinesfalls prominent im Stadtbild, sondern unaufdringlich am Rand der Innenstadt, nur einseitig bebaut, mit PKW-Parkplätzen vor einem Waldstreifen auf der anderen Seite. Wenn Paul von Hindenburg also in seinen letzten Lebensjahren in der Politik der Weimarer Republik eine zwielichtige Rolle gespielt hat, so wird dies durch den Charakter der Hannoverschen Hindenburgstraße recht gut abgebildet.



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