Gesuch nach Aufhebung der Abiturprüfungen 2021

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Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Günther, sehr geehrte Frau Bildungsministerin Prien,

die derzeitige Pandemie-Situation besorgt mich sehr. Obwohl die Infektionszahlen allmählich langsam zurückgehen, sind diese dennoch viel zu hoch. Ebenso birgt die neue britische Covid-19 Mutation noch mehr Gefahren und ein erhöhtes Infektionsrisiko. Es ist unverhältnismäßig von Abschlussschülern zu verlangen, die Schule im Präsenz zu besuchen. Auch wir sind nicht immun gegen Covid-19. Viele Schüler fühlen sich gezwungen, die Schulen zu besuchen, da sonst die Gefahr besteht, das Abitur nicht zu bestehen.

Ich habe große Angst davor, mich in der Schule zu infizieren. Nicht nur ich gehöre mit einem Behinderungsgrad von 60% aufgrund einer chronischen Autoimmunerkrankung unmittelbar zu der Risikogruppe, ebenso gehören mein Vater, sowie meine Mutter dazu. In meiner Klasse hat fast jeder Schüler eine direkte Risikoperson, die zum engen Familienkreis gehört. Sie verlangen von uns Abschlussklassen etwas, was in keinem Verhältnis steht. Es ist verantwortungslos und tut mir im Herzen weh, dass so viele Menschen Opfer bringen müssen, die durch Ihre Entscheidungen relativiert werden.

Oftmals wird als Argument für diese Entscheidungen das funktionierende Hygienekonzept an den Schulen angeführt. Leider ist dieses „funktionierende“ Hygienekonzept so gut wie nicht existent. Befreundete Schüler von umliegenden Schulen aus dem Kreis Lübeck und Ostholstein berichten mir immer wieder, dass Seife bei den Toiletten fehlt, die Desinfektionsspender leer sind, Abstandsregeln nicht eingehalten werden, sowie immer wieder die Mund-Nasen-Bedeckungen abgesetzt werden. Dies ist kein Einzelfall, es ist leider die Realität an den meisten Schulen. Man fühlt sich an den Schulen wie in einer anderen Welt. Eine Welt in der Covid-19 nicht existent ist.

Ich besuche ein berufliches Gymnasium und bin seit Mitte Dezember wieder zu 100% im Online-Unterricht. Viele haben nicht die Möglichkeit, sich im Präsenzunterricht auf das Abitur vorzubereiten, auch wenn die Entscheidung, dass Abschlussklassen zur Schule müssen, mehr als fraglich ist. Ein weiterer schwerwiegende Punkt ist, dass die Abiturprüfungen in diesem Jahr nicht ausgesetzt werden. Ich kann verstehen, dass das Land ein „Corona Abitur“ vermeiden möchte, jedoch ist dies unmöglich. Wir Schüler der Qualifikationsphase 2 haben in der Qualifikationsphase 1 schon den Stoff von einem halben Schuljahr verpasst. Online Unterricht bzw. Distanzlernen ist gleichzusetzen mit gar keinem Unterricht.

Wir haben Wissenslücken, die nicht mehr aufzuholen sind. Es ist für uns unmöglich, den fehlenden Stoff auszugleichen. Unsere Leistungsstände sind rapide in den Keller gegangen. Viele bangen darum, überhaupt zum Abitur zugelassen zu werden. Lehrer bewerten ebenso nicht zu Gunsten der Schüler, sondern verhalten sich, als gäbe es derzeit keine weltweite, tödliche Pandemie. Uns fehlen jetzt in der Qualifikationsphase 2 ebenso 8 Wochen Unterricht, in denen wir uns eigentlich auf das Abitur vorbereiten müssten. Der Distanzunterricht klappt ebenso wenig wie im Jahr 2020, abstürzende Server oder mit dem System überforderte Lehrer gehören zur Tagesordnung. Wir sind mit unserem Glauben am Ende. Täglich höre ich von Mitschülern: „Ich habe aufgegeben“, „Das Abitur werde ich nicht schaffen, ich sehe keine realistische Chance darin“.

Ich selber teile dieses Gefühl. Es ist für mich nicht vorstellbar, die Abiturprüfungen zu bestehen. Unser Vorabitur in dem Fach Mathematik liegt derzeit bereits beim Schulleiter und muss genehmigt werden, da es deutlich unter den Anforderungen ausgefallen ist. Dies liegt nicht an der mangelnden Kompetenz der Schüler, sondern an den immens großen Wissenslücken, die wir bereits haben. Viele Lehrer bemühen sich im digitalen Unterricht, uns fachgemäß auf die Abiturprüfungen vorzubereiten, jedoch sind die Lehrkräfte selber restlos mit der Situation überfordert.

Wie stellen Sie sich vor, wie wir die Prüfungen fair absolvieren sollen?

  • Mit einem 30-minütigen Zeitausgleich?
  • Mit einer größeren Auswahl an Fragen, auf die wir ebenso nicht vorbereitet werden?
  • Mit der Verschiebung der Abiturprüfungen und der Hoffnung, dass die Schüler sich in der Zukunft in Präsenz auf das Abitur vorbereiten können?
  • Mit der Möglichkeit, dass die Fachlehrer die Abiturprüfungen selber gestalten dürfen? Selbst das hat beim Vorabitur schon nicht funktioniert.

Tut mir leid, aber das ist Wunschdenken.

Wir Schüler fühlen uns allein gelassen. Wir stehen täglich unter immensen Druck. Ich selber bekomme schlimmste Panikattacken, wenn ich daran denken muss, dass die derzeitige Situation so gut wie gar nicht berücksichtigt wird. Ich habe das Gefühl, dass keine Schüler in dieses Thema eingebunden werden.

Sie können mir glauben, niemand wird sich mit einem Durchschnittsabitur schlecht fühlen!

Ein Abitur unter Prüfungsbedingungen fällt uns Schülern nur zur Last. Es ist kein Vorteil, sondern ein so schwerwiegender Nachteil, dass extrem viele Schüler dieses Abitur nicht bestehen werden. Schüler, die nicht so leistungsstark sind, sind extrem von diesen Entscheidungen betroffen. Schüler, die unter normalen Bedingungen das Abitur mit einem Schnitt nahe an der Grenze schaffen könnten, werden dieses Abitur nicht bestehen. Es ist schlimm, wie mit uns umgegangen wird.

Auch Praktika, die einem die Hochschulzulassung sichern könnten, können nicht absolviert werden, da es fast aussichtslos ist, einen Praktikumsplatz unter den derzeitigen Covid-19 Bedingungen zu finden. Nur selten stellen in dieser Zeit Unternehmen Schüler ein, da viele Unternehmen selbst um die Existenz kämpfen. Das heißt, dass Schüler, die das Abitur nicht bestehen, ebenso kein Praktikum oder FSJ absolvieren können, welches als Voraussetzung für eine Hochschulzulassung gilt.

Selbst wenn Schüler das Abitur trotz dieser katastrophalen Vorrausetzungen bestehen, so wäre deren Abiturschnitt aller Voraussicht nach deutlich schlechter als unter normalen Bedingungen.

Die Möglichkeit eines Auslandsjahres, um zu reisen oder um als Au Pair im Ausland zu arbeiten, ist extrem riskant. Die Hochschulen werden im Jahr 2022 einen extremen Ansturm haben und Abiturienten aus dem Jahr 2021, die sich entschieden hatten ein Jahr im Ausland zu verbringen (als Au-pair oder „work and travel“) würden mit ihrem schlechteren Schnitt aus 2021 das Nachsehen haben. Die derzeitige Situation ist in keinster Weise zu unseren Gunsten. Viele werden ihre Zukunftsträume verlieren - und das Schlimmste ist, wir können nichts dafür!

Sie sind in der Position, etwas daran zu ändern. Keiner wird sich benachteiligt fühlen, wenn Sie ein Durchschnittsabitur mit freiwilligen Prüfungen zulassen würden oder die 25 Punkte Regel für das Bestehen der Prüfungen streichen.

Artikel 14 GRCh Recht auf Bildung – Charta der Grundrechte der Europäischen Union

(1) Jede Person hat das Recht auf Bildung sowie auf Zugang zur beruflichen Ausbildung und Weiterbildung.

Diese Rechte werden uns Schülern verwehrt.

Unter diesen derzeit herrschenden Bedingungen, können diese Grundrechte möglicherweise nicht in vollen Umfang eingehalten werden, demzufolge kann man auch nicht an den Abschlussprüfungen festhalten. Uns wird durch die Durchführung der Abiturprüfungen deutlich das Recht auf einen realistischen Zugang zur Weiterbildung an einer Universität verwehrt. Viele Schüler sind aufgrund der Entscheidungen extrem benachteiligt.

Im Internet laufen landesweit hunderte Petitionen mit tausenden Unterschriften gegen die Durchführung der Abiturprüfungen, dennoch werden unsere Sorgen nicht erst genommen. Für uns Schüler wäre es ein deutlich größerer Nachteil, die Prüfungen zu schreiben, anstatt ein „Corona Abitur“ zu erhalten. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein „Not-Abitur“ vergeben werden würde. 1939 gab es diese Situation bereits. Es ist klar, dass ein „Corona Abitur“ bundesweit den Zugang zu Hochschulen sichern muss. Jeder weiß, dass die Corona Pandemie „... eine Jahrhundertkatastrophe“ (vgl. Angela Merkel, 2021) ist und so sollten die Abschlussprüfungen auch gestrichen werden. 

Wir fühlen uns hintergangen!

Es kann nicht sein, dass andere Länder, wie z.B. Großbritannien, die Abschlussprüfungen aussetzen und Deutschland nicht. Im vergangenen Jahr wurden unzählige Klausuren, Referate und andere Leistungsnachweise abgelegt, aus denen man ein Abitur bilden könnte. Schüler, die es in die Q2 geschafft haben, sind nicht dumm und verfügen über die Kompetenz, ein Abitur unter normalen Voraussetzungen zu absolvieren, jedoch nicht unter den durch die Corona Pandemie vorliegenden.

Ich bitte Sie inständig, nach einer akzeptablen Lösung zu suchen und diese auch durchzuführen. Die Zeit rennt und unsere Träume und damit unsere Zukunft könnten bald in Scherben liegen. Die Möglichkeit auf ein nicht angerechnetes Wiederholungsjahr ist für viele keine Option. Ich selber habe durch meine Erkrankungen schon zwei Jahre wiederholen müssen. Wir haben schon genug Zeit in unserem Leben verloren.

Ich appelliere deshalb an Sie und die Kultusminister der Länder:

  • Lassen Sie ein Durchschnittsabitur mit freiwilligen Prüfungen zu, damit uns Schülern der Zugang zu einem Studium gesichert wird.
  • Ebenso fordere ich, dass die Pflicht eines 1-jährigen Praktikums ausgesetzt wird.

Für mich wäre es unmöglich, aufgrund meiner körperlichen Behinderung und meiner gesundheitlichen Verfassung ein Praktikum zu absolvieren. Bei Nichtbestehen des Abiturs, aufgrund der Durchführung der Abschlussprüfungen, stände ich vor dem Nichts. Vielen anderen Betroffenen geht es ebenso.

Die in der Kultusminister Konferenz festgelegten Beschlüsse vom 21. Januar 2021 zu der „Angleichung“ der Abschlussprüfungen helfen uns nicht im Geringsten.

 

Mit freundlichen Grüßen

Valentin Hamami