Kein erzwungenes Homeschooling während der Corona-Krise

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Ich heiße Julia Pesch, bin Erzieherin und Mutter von drei Kindern und möchte meine Petition mit Worten des letzten Jahres verstorbenen Pädagogen und Bildungsexperten Jesper Juul beginnen:

„Ein gutes Verhältnis ist wichtig! Denken Sie daran, dass die Schule nur ein Teil des Lebens ist. Unternehmen Sie viel mit Ihrem Kind und zeigen Sie, dass Sie Freude an der gemeinsamen Zeit haben. Auf diese Weise ist Ihr Kind gestärkt, größeren Problemen in der Schule entgegenzutreten.“

Laut Juul besteht durch das ewige Auffordern zum Lernen und die damit einhergehende Isolation im Kinderzimmer das Risiko, dass Kinder das Gefühl entwickeln, ihren Eltern seien gute Noten wichtiger als die gemeinsame Zeit mit ihnen.

 

In den letzten Wochen erleben viele Haushalte in Deutschland eine nie dagewesene Zeit der Verunsicherung. Manche Menschen, gerade in medizinischen oder Pflegeberufen, arbeiten fast mehr, als die eigenen Kräfte erlauben.  Andere erleben Zeiten großer Existenz- und Zukunftsangst. Viele sind mit neuen und herausfordernden sozialen Situationen konfrontiert durch Homeoffice und die Tatsache, dass plötzlich jeden Tag Menschen zu Hause miteinander auskommen müssen, die sich sonst alle in ihrem normalen Alltag an verschiedenen Standorten aufhalten wie Arbeit, Schule, Kindergarten, Universität und die oft auch ihre Freizeit unterschiedlich gestalten.

Die meisten Menschen haben zudem Sorge um Ihre Gesundheit und die ihrer Angehörigen bzw. sorgen sich um Menschen in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis.

In meinem Umfeld erlebe ich zusätzlich zu all diesen enormen Schwierigkeiten obendrauf noch eine weitere Herausforderung, die oft nicht mehr zu meistern ist: Die Beschulung zuhause. Da flattern jeden Tag aus den verschiedensten Fächern Aufgaben ins Haus, die die Eltern bitte mit ihren Kindern am besten täglich erledigen sollen. Manche LehrerInnen bestehen darauf, dass abends die fertigen Aufgaben eingescannt zu ihr oder ihm zurückkommen. Manche geben Aufgaben für die gesamte Woche. Es geht um Mathe, Deutsch, Sprachen samt Vokabeln lernen, sämtliche anderen Fächer und sogar Nebenfächer wie Kunst und Werken. Bei älteren Jugendlichen läuft der Kontakt häufig direkt von den Lehrern zu den Schülern, wodurch es für die SchülerInnen auch nicht weniger wird.

Es scheint egal zu sein, ob es Alleinerziehende sind, die mitsamt Beruf kaum noch wissen, wie sie die Situation überhaupt auffangen können, ob es Familien sind, die aufgrund von Sprachbarrieren oder aus anderen Gründen ihren Kindern bei der Erledigung der Aufgaben kaum helfen können, ob es Haushalte sind, wo der Haussegen aus ganz anderen Gründen schon schiefhängt und wo der Druck, der Beschulung zu Hause gerecht zu werden vielleicht nur der letzte Tropfen ist, dessen Überlaufen sich dann in häuslicher Gewalt entlädt oder ob es einfach der normale Wahnsinn ist, eine Familie in einer solchen Ausnahme- und Krisenzeit halbwegs sicher und geborgen durch die stürmischen Wasser zu lotsen, die Beschulung zuhause scheint in Deutschland völlig außer Frage zu stehen.

Es gibt gerade unbürokratische Hilfen für Selbständige und Unternehmen, milliardenschwere Kredite und Finanzspritzen für große Unternehmen, Aufforderung zur Nachbarschaftshilfe und andere Hilfsmaßnahmen und Notfallpläne. Warum gibt es nichts in dieser Richtung für die Schüler und Lehrer, die alle weiterhin unter dem Druck stehen, den engen Leistungsvorgaben eines pisagebeutelten Bildungswesens auch jetzt noch gerecht werden zu müssen? In Frankreich gab es zumindest einen Brief des Kultusministers an die Eltern, der jetzt in den sozialen Medien kursiert, auch wenn das in der konkreten Situation vielleicht keine wirkliche Hilfe ist.

Hiermit fordere ich die Kultusminister der Länder auf,  dringend die Schulen und Familien zu entlasten und sich gemeinsam eine andere Lösung zu überlegen, als die Verantwortung für die Bildungspflicht einfach nach Hause zu verlegen. In anderen Zeiten ist die Schulpflicht ja eine heilige Kuh in Deutschland und auf einmal scheint es gar keine Frage mehr zu sein, dass Kinder natürlich auch zu Hause beschult werden können. Gelingendes Homeschooling braucht völlig andere Rahmenbedingungen und kann nicht in einer so belasteten Zeit unter engmaschigem Druck von den Eltern erwartet werden. Wenn freiwillig, mit geringem Aufwand und ohne emotionalen Druck zuhause gelernt wird, gut. Wenn nicht, muss das Bildungswesen diese Situation auffangen, nicht die Elternhäuser.