Stoppt den Einsatz von Pflichtpraktika innerhalb der Fachschule für Sozialwesen.

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Sehr geehrte Damen und Herren sowie Mitstudierende,

ich befinde mich im zweiten Lehrjahr meiner Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher an einer Fachschule für Sozialwesen innerhalb des Lahn-Dill-Kreises.

Im Rahmen der Ausbildung steht ein Pflichtpraktikum über den Zeitraum von sechs Wochen vom November bis Dezember 2020 an. Die Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren.

Ich und die gesamte Oberstufe der Fachschule sehen die Kompetenzerweiterung und pädagogische Handlungsbereicherung des Praktikums und freuen uns schon seit geraumer Zeit darauf, endlich wieder in die pädagogische Praxis gehen zu dürfen. Jedoch hat aktuell die Corona-Pandemie stärker denn je Hessen in seinen Besitz genommen.

Aktuell gibt es mit 7.830 Neuinfizierten die höchste deutschlandweite Fallzahl seit Beginn der Aufzeichnung. Dieser Wert ist sogar höher als die Werte die kurz vor dem Lockdown erreicht worden sind (Stand 17.10.2020). Der Lahn-Dill-Kreis indem sich meine Fachschule befindet hat einen Inzidenzwert von 38,67 (Stand 17.10.2020) und ist nicht weit von den Landkreisen Marburg-Biedenkopf und Gießen, welche bereits innerdeutsche Risikogebiete mit einen Inzidenzwert über 50 sind (Stand 19.10.2020), entfernt.

Gerade die Arbeit im sozialpädagogischen Bereich basiert auf den wertschätzenden sozialen Interaktionen mit den Kindern und Jugendlichen. Das Kind empathisch zu trösten oder gemeinsam am Frühstückstisch zu sitzen gehört zu unseren wichtigen pädagogischen Aufgaben und werden von uns sowie von den Kindern und Jugendlichen eingefordert. Daraus ergibt sich jedoch, dass in der sozialpädagogischen Praxis nie der Mindestabstand von 1,5 Metern gewährleistet werden kann.

Mein Praktikum möchte ich in der stationären Kinder und Jugendhilfe absolvieren. Die Kinder und Jugendlichen wohnen in der Einrichtung. Das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes kann ihnen also nicht vorgeschrieben werden. Zudem gehen sie alle auf eine andere Schule, wodurch jedes Kind, jeder Jugendliche mit jeweils mehreren hunderten anderen Personen in Kontakt tritt. Sind die Kinder und Jugendliche wieder zurück in der Einrichtung, summieren sich ihre möglichen Kontaktpersonen zu Tausenden. Ich selbst trage wie die meisten anderen einen Mund- und Nasenschutz aus Baumwolle. Ich schütze somit die anderen, mich selbst aber nicht. Nach dem Praktikum geht unsere Schulzeit normal im Klassenverbund weiter. Die sonst schon so hohe Zahl der möglichen Kontaktpersonen innerhalb der Einrichtungen werden nun in unsere Klassen weitergetragen. Resultierend daraus summieren sich die Kontaktpersonen ins unberechenbare. Und das obwohl es heißt, dass wir die sozialen Kontakte aufs nötigste Beschränken sollen. Jetzt springen wir von einem System ins nächste und wieder zurück.

Nicht zu vergessen sind auch die Menschen mit besonderen Bedarfen, die zum Teil auf eine fürsorgliche Pflege angewiesen sind und u. a. auch der Risikogruppe angehören. Gerade auch in den Wohngruppen oder Werkstätten der Menschen sind bereits Bewohner an Covid-19 gestorben. Zusätzliche Praktikanten*Praktikantinnen würden das Risiko einer generellen Covid-19-Erkrankung zusätzlich erhöhen.

Auch absolvieren einige aus meiner Klasse ihr Praktikum in Gießen, das bereits ein innerdeutsches Risikogebiet ist (Stand 19.10.2020). Warum sollen Menschen die aus einem ausländischen Risikogebiet kommen 14 Tage lang in Quarantäne, aber für innerdeutsche Risikogebiete gilt dies jedoch nicht? Die Gefahr auch zu Erkranken kennt keine Landesgrenzen.

Zusätzlich haben Mitstudierende von uns eigene Kinder. Wenn die Schulen der eigenen Kinder geschlossen werden müssten, müssten sie ihre Kinder wieder selbst betreuen und dennoch das Praktikum in Vollzeit absolvieren. Das funktioniert für die alleinerziehenden Eltern nicht. Und die Fachberichte müssen dann auch noch irgendwie angefertigt werden.

Nicht zu vergessen ist, dass einige aus dem Jahrgang für das Praktikum einen verpflichtenden negativen Corona Test für die Träger der Einrichtungen vorzeigen müssen. Dieser wird jedoch nicht von den Trägern und auch nicht von der Fachschule für Sozialwesen bezahlt (Stand 19.10.2020). Wir müssen somit das Praktikum auch noch „selber finanzieren“, wodurch wir auf den generell schon hohen finanziellen Corona bedingten Einbußen auch noch zusätzlich sitzen bleiben.

Hinzu kommt, dass wir mögliche Fehlzeiten innerhalb des Praktikums gar nicht nachholen können. Fehlzeiten dürfen nur neben dem regulären Unterricht nachgearbeitet werden. Grundschulen schließen jedoch auch in den Ferien. Uns fehlt dazu komplett die Zeit. Zudem fangen schon im März die ersten mündlichen Prüfungen an. Es wäre sinnvoller die Schulzeit, die wir von Ostern bis zu den Sommerferien im Lockdown verloren haben, jetzt aktiv nachholen zu können. Das würde uns Auszubildenden enorm helfen das fehlende berufsrelevante Fachwissen bündig aufzuarbeiten. Die Fachberichte die im Praktikum angefertigt werden sollen, könnten auch analog zum Praktikum verfasst werden.

Ich und die gesamte Oberstufe halten uns bereits seit über sieben Monaten an alle geltenden Regeln und beschränken die Treffen mit unseren Privatkontakten auf das Nötigste! Wir räumen der Solidarität für unsere Mitmenschen einen hohen Stellenwert ein. Und dann sollen wir ungeschützt in sozialpädagogische Einrichtungen unser Praktikum absolvieren? Nicht zu vergessen ist die Schulwoche danach, in der wir alle aus den verschiedensten sozialpädagogischen Einrichtungen wieder aufeinandertreffen, obwohl wir den Kontakt mit vielen anderen Personen auf geringer Fläche niedrig halten sollen und dieser sogar landesweit beschränkt wird….

                                ….paradox und pädagogisch nicht wertvoll….

Angst ist kein Grund, nicht zu arbeiten. Jedoch sind wir alle von den obig genannten Begründungen überzeugt und stehen den hohen (insbesondere hessenweiten) Fallzahlen gegenüber, die nicht mehr in Relation zum Erkenntnisgewinn innerhalb des Praktikums und DEINER und aller Gesundheit stehen! 

Wir würden uns über eine zeitnahe Antwort des hessischen Kultusministeriums sowie generelle situationsgebundene sowie ausgereifte Regelungen für die Praktika innerhalb der Fachschulen für Sozialwesen sehr freuen.