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Kinder haben ein Recht auf Bildung: Konsequente Öffnung von Schulen und Kitas in Berlin

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„Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung“ – dieses grundlegende, in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 (Artikel 26) verankerte Recht darf auch zu Zeiten der Pandemie nicht dauerhaft und unverhältnismäßig eingeschränkt werden. Eine zügige und tatsächliche Öffnung der Schulen und Kitas für alle - unter geeigneten Schutzmaßnahmen und begleitet von epidemiologischen Studien – gefährdet die Gesundheit der Kinder nicht und ist mit dem Infektionsschutz vereinbar. So lautet die Einschätzung von vier medizinischen Fachgesellschaften (1) und weiteren ExpertInnen im In- und Ausland (2, 3). Eine wirkliche Öffnung der Schulen und Kitas erscheint daher gesundheitspolitisch vertretbar. Aus Gründen der Bildungsgerechtigkeit und mit Blick auf mögliche psychosoziale Folgen der Schließung ist sie dringend und unabdingbar.

Im März war die Situation noch unübersichtlich und der Anstieg der Fallzahlen rasant, sodass viele Eltern die Schließung der Bildungseinrichtungen nachvollziehen und mittragen konnten – unter der Prämisse, dass diese vorübergehend sei und so bald wie möglich rückgängig gemacht werde. Mittlerweile ist die Rate der Neuinfektionen konstant niedrig in weiten Teilen Deutschlands und in Berlin, trotz weitreichender Öffnungen verschiedener Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft. Zudem deuten viele Studien (1-5) darauf hin, dass Kinder, insbesondere die unter Zehnjährigen, nur eine untergeordnete Rolle bei der Übertragung des Virus spielen. Sie selbst sind im Regelfall nicht gefährdet durch eine Erkrankung und wohl auch weniger ansteckend als Erwachsene. Auch mehren sich die Hinweise, dass Schul- und Kitaschließungen zu den weniger effektiven Mitteln der Eindämmung der Pandemie gehören. Diese und weitere Punkte werden in der genannten gemeinsamen Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), der Deutschen Akademie für Kinder und Jugendmedizin (DAKJ) und dem Berufsverband der Kinder und Jugendärzte in Deutschland (bvkj e.V.) vom 18. Mai 2020 ausführlich begründet und belegt (1).

In weiten Teilen der Öffentlichkeit scheint sich jedoch die Vorstellung festgesetzt zu haben, dass Schul- und Kitaöffnungen und der Schutz gefährdeter Bevölkerungsgruppen einander ausschließen. Dabei handelt es sich um ein falsches Dilemma. Die genannte evidenzbasierte Stellungnahme der vier medizinischen Vereinigungen (1) und die Erfahrungen der Nachbarländer mit Schul- und Kitaöffnungen zeigen, dass beides zugleich möglich ist, nämlich die tatsächliche Öffnung der Bildungsstätten einerseits, Infektionsschutz und Schutz von Risikogruppen andererseits. Norwegen, Dänemark, Frankreich, die Schweiz und andere europäische Länder haben Kitas und Grundschulen zügiger und umfassender geöffnet, in Schweden und Taiwan waren sie nie vollständig geschlossen und auch in Deutschland waren viele Kinder „systemrelevanter“ Eltern, bei denen die Wahrscheinlichkeit einer Infektion am höchsten ist, in der Notbetreuung; dennoch sind Bildungseinrichtungen bisher nicht als „Coronavirus-Hotspots“ bekannt geworden. Warum haben in Berlin und in vielen Teilen Deutschlands Kinder und Familien also nach wie vor keine klare Perspektive? Risikofrei ist die Öffnung von Schulen und Kitas auf Grund des begrenzten Wissens über das Coronavirus natürlich nicht, sie sollte daher begleitet werden von regelmäßigen Tests des Lehr- und Erziehungspersonals sowie von epidemiologischen Studien, die zu einem besseren Verständnis der Rolle von Kindern im Virusgeschehen beitragen. In anderen gesellschaftlichen Bereichen ist man bereit, weit größere Risiken für geringeren Nutzen einzugehen. Zudem dürfte ein gezielter Schutz von Pflegeheimen, Krankenhäusern und Menschen aus Risikogruppen sowie eine Verbesserung des Arbeitsschutzes in bestimmten Industriebereichen zur Eindämmung der Pandemie mehr beitragen als Kinder ohne ausreichende Evidenzbasis längerfristig in ihren Bildungs- und Sozialisationsmöglichkeiten einzuschränken. 

Natürlich sind Fragen des Arbeitsschutzes und des Schutzes von Risikogruppen unter den ErzieherInnen und Lehrkräften wichtige und schwierige Themen. Die Meinungen über die hierfür erforderlichen Schutzmaßnahmen gehen auseinander: während die genannten medizinischen Fachgesellschaften grundlegende Hygienemaßnahmen und einfache Mittel wie eine Nichtdurchmischung verschiedener Klassen bzw. Kitagruppen für ausreichend halten (1), empfiehlt das Robert-Koch-Institut die in den meisten Bundesländern angeordneten Maßnahmen von kleinen Gruppengrößen, Abstandwahren und (teilweise) Maskenpflicht u.a. Will man Schulen und Kitas nach letzterem Modell für alle Kinder öffnen, bringt dies einen erheblichen organisatorischen Aufwand mit sich und scheitert auf den ersten Blick an fehlenden Räumen und Personal. Hier wären kreative Lösungen gefragt wie z.B. die Nutzung von Außenflächen und zusätzlichen Räumlichkeiten etwa in Museen, Konzerthäusern, Konferenzräumen; den Einsatz von Lehramtsstudierenden, Künstlern u.a. um weiteres Personal zu gewinnen – ein sicherlich sehr aufwändiger, aber gangbarer Weg, auf dem sogar zusätzliche kulturelle u.a. eher vernachlässigte Bildungsinhalte vermittelt und Bewegungsangebote gemacht werden könnten. Gerade Berlin bietet hier vielfältige Möglichkeiten. Die Kinder sollten dieser Gesellschaft entsprechende  Anstrengungen wert sein – sie weiter größtenteils zu Hause zu lassen und damit in ihren Möglichkeiten der Bildung, gesellschaftlichen Teilhabe und Entwicklung einzuschränken, ist hingegen keine Option.

Sicher ist in jedem Fall, dass Kita-und Schulkinder durch die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 besonders stark eingeschränkt und teilweise sogar gefährdet werden. Kinder sind elementar auf den Umgang mit Gleichaltrigen und natürlich auf konstante und anregende Bildungsangebote in Kita und Schule angewiesen. Die geistige und persönliche Entwicklung von Kindern verläuft so schnell, dass eine mehrmonatige häusliche Isolation und der Wegfall von Bildungsangeboten wichtige Entwicklungsschritte verzögern oder gar verhindern können. Eltern versuchen dem neben ihrem Beruf entgegenzuwirken, was aber auch bei größtem Einsatz nur in Grenzen möglich ist. Die Schere zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Kindern geht damit weiter auf, wodurch das Problem ungleicher Bildungschancen verschärft wird. Auch insgesamt wird für alle Kinder der Bildungsrückstand mit jedem Tag größer– das zweite Schulhalbjahr ist möglicherweise bereits verloren. Die erfolgte „Schulöffnung“ ist eine Farce - die meisten Grundschüler in Berlin haben bis zu den Sommerferien an weniger als 10 halben Tagen Präsenzunterricht. „Homeschooling“ stellt qualitativ keine Alternative dar: de facto findet derzeit kein Schulunterricht statt! So ehrlich, dies zuzugeben, sollten zumindest alle Beteiligten sein. Die Kinder bekommen i.d.R. Aufgaben zugeschickt; das Erklären, Kontrollieren, Motivieren, kurz, alles, was erforderlich ist, damit die Aufgaben auch bearbeitet und verstanden werden, müssen die Eltern oder gar die Kinder selbst übernehmen. Dabei werden sie nur selten unterstützt von digitalen Angeboten der Lehrkräfte. Die Erziehungs- und Sozialisationsleistung des Kitabesuches und der Schulbildung, die sich ja keineswegs im Vorsetzen von Aufgaben erschöpfen, fallen komplett weg. Hinzu kommen Probleme häuslicher Gewalt und fehlende Möglichkeiten, diese zu erkennen, wenn Kinder nicht mehr in Kitas und Schulen, Sportvereine und Musikschulen gehen. Auch wenn es den meisten Eltern gelingt, es nicht soweit kommen zu lassen, so sind sie doch seit Wochen überlastet in dem Bemühen um „Vereinbarkeit des Unvereinbaren“, nämlich der gleichzeitigen Betreuung und Unterrichtung ihrer Kinder, des ungeschmälerten Erbringens ihrer Arbeitsleistung (sofern dies überhaupt von zu Hause aus möglich ist) und nebenher noch der Haushaltsführung. Wir beschränken uns hier aber auf die Hauptleidtragenden nämlich die Kinder, die sich zunehmend als Problem wahrnehmen dürften, als das sie von Seiten der Politik und Gesellschaft behandelt werden – statt als zu priorisierende Zukunftsträger dieser Gesellschaft.

Daher schließen wir uns der Forderung der evidenzbasierten Stellungnahme der medizinischen Vereinigungen (1), der Stellungnahme des Deutschen Kinderhilfswerks (6) sowie der Initiative „Kinder brauchen Kinder“ (7) an: Öffnen Sie Schulen und Kitas für alle Kinder, so schnell wie möglich. Die Angemessenheit von Schutzmaßnahmen zu beurteilen, obliegt Fachleuten. Im Sinne der Kinder dürfen diese jedoch nicht schärfer sein als unbedingt erforderlich zum Schutz des Personals und der weiteren Gesellschaft. Wo aufwändige Maßnahmen nötig erscheinen, müssen kreative Lösungen gefunden und Invesititonen vorgenommen werden. Bildung schafft die Grundlage dafür, dass Kinder später selbstbestimmt leben und in dieser Gesellschaft Verantwortung übernehmen können. Bildung ist ein Menschenrecht und darf nicht einfach hinten angestellt werden.  

 

Initiatorinnen:
Anja Pichl
Susanne Pech

 

1.         Stellungnahme der DGKH, der DGPI, der DAKJ, der GHUP und dem bvkj: Schulen und Kitas sollen wieder geöffnet werden (Stand 20.05.2020) | DGPI: Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie [Internet]. Verfügbar unter: https://dgpi.de/stellungnahme-schulen-und-kitas-sollen-wieder-geoeffnet-werden/

2.         Russell M Viner, Simon J Russell, Helen Croker, Jessica Packer, Joseph Ward, Claire Stansfield, Oliver Mytton, Chris Bonell, Robert Booy: School closure and management practices during coronavirus outbreaks including COVID-19: a rapid systematic review. Lancet Child Adolesc Health 2020; 4: 397–404. Published Online April 6, 2020. https://doi.org/10.1016/S2352-4642(20)30095-X

3.         Munro APS, Faust SN (2020) Children are not COVID-19 super spreaders: time to go back to school. Arch Dis Child in press

4.         Children and COVID-19 | RIVM [Internet]. [cited 2020 May 22]. Available from: https://www.rivm.nl/en/novel-coronavirus-covid-19/children-and-covid-19

5.         Gudbjartsson DF, Helgason A, Jonsson H, Magnusson OT, Melsted P, Norddahl GL, et al. Spread of SARS-CoV-2 in the Icelandic Population. N Engl J Med. 2020 Apr 14

6.         Deutsches Kinderhilfswerk: Schulen und Kitas umgehend und vollständig öffnen (Stellungnahme vom 20.05.2020). Online verfügbar unter: https://www.dkhw.de/presse/schlagzeilen-archiv/schlagzeilen-details/deutsches-kinderhilfswerk-schulen-und-kitas-umgehend-und-vollstaendig-oeffnen/

7.         Unter https://kinderbrauchenkinder-petition.de/ findet sich eine sehr informative Webseite und eine eigene Petition zur deutschlandweiten Öffnung von Kitas und Grundschulen vom 19. April 2020.

 



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