Petition update

Stellungnahme einer Wissenschaftlerin zu den Aussagen des Landesbetriebs Forst Brandenburg

Karl Tempel

May 16, 2019 — 

 

Dr. Ricarda Voigt, Luckenwalde, 15.05.2019

Stellungnahme zu den Aussagen des Landesbetriebs Forst Brandenburg zu den Bekämpfungsmaßnahmen mit Karate Forst flüssig gegen die Nonne

Seit Jahren versprüht die Forstverwaltung über den Wäldern Brandenburgs Insektizide. Und jedes Mal wird behauptet, dass ohne Insektizideinsatz der Wald sterben und Brandenburg versteppen würde. Scheinbar soll so den Waldeigentümern und den Bürgern Angst gemacht werden. Ich möchte im Folgenden Behauptungen der Forstverwaltung und des Waldbesitzerverbandes widerlegen* (* Die folgenden Zitate sind Artikeln der MAZ vom 7./10. Mai 2019  und vom 11./12. Mai 2019 entnommen).

1. Der Befall ist so hoch, dass der Wald sterben wird.

Geht man durch die Waldbestände, so sieht man, dass einige Bestände tatsächlich stark geschädigt sind, aber auch dort keineswegs alle Bäume. Gerade die älteren Bestände und die Neuanpflanzungen sind längst nicht so stark geschädigt. Es besteht daher keinerlei Gefahr, dass die betroffenen Wälder komplett absterben werden. Stichproben reichen daher in den Befallsherden nicht aus, sondern man muss den Wald als Ganzes betrachten, um die Gefahr eines Waldsterbens einzuschätzen.

2. Wenn die Wälder absterben, wird sich dort eine Steppe ausbreiten, weil durch die starke Vergrasung keinerlei Bäume hochkommen werden. Eine Aufforstung ist extrem teuer.

Natürlich wird sich keine Steppe ausbreiten, da wir hier ein Waldklima und kein Steppenklima haben. In unserem Gebiet gab es seit der letzten Kaltzeit durchgängig Wald, sofern der Wald nicht durch Menschen gerodet wurde. Jede Fläche, die vom Menschen nicht mehr genutzt wird, wird sich innerhalb von wenigen Jahren wieder bewalden. Dies ist wissenschaftlich durch zahlreiche Studien belegt.

3. Für den Waldumbau braucht man den alten Bestand, um in seinem Schutz Laubbäume einzubringen.

Laubbäume brauchen keinen Kiefernschutzschirm. Ansonsten hätten sich Freiflächen natürlicherweise niemals neu bewalden können. Normalerweise breiten sich auf Freiflächen zunächst schnellwachsende, kurzlebige Birken und Pappeln aus, gefolgt von Kiefer, Ahorn, Eiche, Fichte und Buche, je nach Standort. Die einschlägige Fachliteratur wird dies bestätigen. Es ist Grundwissen des Biologiestudiums.
Man sieht aber auch in den älteren Wäldern nur selten, dass dort Laubbäume gepflanzt wurden. Viel häufiger trifft man auf junge Kiefern, die entweder gepflanzt wurden oder natürlich gekeimt sind. Vielfach wird Laubholz, z. B. Birke, sogar herausgeschlagen.

4. Die Monokulturen stammen noch aus DDR-Zeiten und es braucht viel Zeit, um sie in einen Laubwald umzubauen.

Seit der Wende sind 30 Jahre vergangen, in denen vom Waldumbau gesprochen wurde, aber gleichzeitig immer neue Kiefernmonokulturen angelegt wurden und werden (Neuanpflanzungen mit ca. 8000 Kiefern/ha), wie z. B. im Wald bei Nettgendorf.

5. Die Befallsdichte ist so hoch, dass die Raupen den Wald 25 Mal kahlfressen können.

Wenn es eine derartige Überpopulation an Raupen gibt, so reguliert sich die Population selbst. Die Zahl der Raupen geht zurück bzw. die Population bricht zusammen aufgrund der starken Konkurrenz untereinander und des entstehenden Futtermangels.

6. Das Gift wird nur in geringer Konzentration eingesetzt und verbleibt in den Baumkronen.

Die Konzentration ist nicht das Entscheidende, sondern die Toxizität. Von Karate Forst flüssig reichen bereits 10 mg pro Quadratmeter (= 75 ml/ha, Dichte: 1,3 g/ml), um alle vorkommenden Insekten zu töten. Das Gift bleibt auch nicht in den Baumkronen, sondern fällt zusammen mit den toten Insekten auf den Waldboden. Es haftet zwar an den Nadeln und wird nicht so leicht vom Regenwasser abgewaschen, fällt aber später mit den Nadeln zusammen auf den Waldboden. Nach einem halben Jahr ist erst die Hälfte des Wirkstoffs abgebaut.

7. Im Wald wird fast nie Gift eingesetzt und Wald und Insekten können sich relativ schnell erholen.

Wenn sich die Insekten schnell erholen können, dann kann man annehmen, dass sich auch die Nonnenpopulation schnell erholt, so dass bald wieder gespritzt werden muss.

 

Schon vor 13 Jahren habe ich mit Frau Dr. Möller vom Kompetenzzentrum Forst in Eberswalde über diese Fragen diskutiert und versucht ihr nahe zu bringen, dass die forstliche Sichtweise aus ökologischer und waldgeschichtlicher Sicht falsch ist. Ich habe sie außerdem nach den Auswirkungen der Gifte auf Vögel und Fledermäuse und in der Nahrungskette gefragt. Sie konnte diese Frage nicht beantworten, weil es nicht untersucht wurde. Über die Toxizität für Vögel beim Inhalieren gibt es bis heute keinerlei Angaben. Mittlerweile gibt es einige Studien, die indirekte Auswirkungen auf die Vögel zeigen (verhungerte Jungvögel, Ausbleiben der zweiten Brut). Indirekte Auswirkungen, z. B. auf das Erbgut oder die Fertilität bei Wildtieren, sind bis heute nicht geklärt.

Vor vier Jahren habe ich von Herrn Kopka, zuständig auch für den derzeitigen Pestizid-Einsatz der Forstverwaltung, gefordert, erstens die Bürger wahrheitsgemäß über die Auswirkungen der Gifte auf die menschliche Gesundheit und auf die Ökosysteme aufzuklären und zweitens die großräumigen Freilandversuche mit Pestiziden wenigstens mit einem Monitoring zu verbinden. Das ist jedoch bisher ausgeblieben.

Die Forstverwaltung verschweigt weiterhin, dass beim Einatmen von Karate Lebensgefahr besteht und beim Kontakt starke Hautreizungen auftreten. Karate gilt außerdem als leberschädigend, beeinträchtigt die Nervenleitfähigkeit und hat möglicherweise eine fortpflanzungsschädigende Wirkung beim Menschen. Letzteres wird allerdings vom Hersteller bestritten. Über langfristige Auswirkungen des Wirkstoffs Cyhalothrin berichten Betroffene, die 2013 in Brasilien versehentlich mit dem Gift eingenebelt wurden. Die Forstverwaltung verschweigt auch, dass Karate Forst flüssig noch nach vielen Monaten im Wald nachweisbar und wirksam ist.

Dr. Ricarda Voigt

Biologin, Wissenschaftlerin
Vegetations-, Siedlungs- und Klimageschichte, Ökologie, Limnologie


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