2-Klassen-Medizin aus Sicht einer Ärztin

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Sehr geehrter Herr Spahn,

ich bin Ärztin und hoffe Sie auf diesem Weg erreichen zu können. Vor ein paar Tagen sagten Sie, dass es in Deutschland keine Zwei-Klassen-Medizin gibt, aus diesem Grund habe ich mich entschieden, Sie an meinen Erfahrungen teilhaben zu lassen.

Mir geht es hierbei nicht darum, einzelne Interessengruppen anzuprangern, was hoffentlich im Verlauf des Briefes klar wird und mir ist durchaus bewusst, dass die folgenden Beispiele z. T. sehr extrem sind, aber vielleicht verdeutlichen diese die Problematik auf die ich hinweisen möchte.

Weiterhin habe ich lange überlegt, ob ich dies alles schreiben soll. Mir ist durchaus bewusst, welche Folgen dies haben kann, aber wenn wir weiterhin alle unseren Mund halten, kann sich nichts ändern und nur darum geht es. Ich hoffe mit diesem Schreiben klarzumachen, dass das System das Problem darstellt und nicht die einzelnen Menschen.

Während meines Praktischen Jahres habe ich in einem Krankenhaus gearbeitet, dass einem Aktienkonzern angeschlossen war. Hier wurden, organisiert vom damaligen Geschäftsführer, Scheichs aus arabischen Ländern eingeflogen (klingt irre, ist aber tatsächlich so) an denen in diesem Akutkrankenhaus! elektive Eingriffe wie z. B. Hüft-TEP‘s durchgeführt wurden. Diese Scheichs haben Patientenzimmer belegt, die teilweise auch für Kassenpatienten vorgesehen waren. Laut Anordnung der Geschäftsführung durften keine weiteren Patienten in diese Zimmer gelegt werden und ich kann mich an mindestens einen Notfall erinnern, den wir aufgrund dessen an eine andere Klinik verweisen mussten.  Wir hätten ihn zwar notfallmässig versorgen, aber anschließend nicht stationär betreuen können.

In dem gleichen Krankenhaus durften Belegärzte, z. B. Plastische Chirurgen, darüber entscheiden, wer wann operieren darf, wobei es in der Regel um Privatpatienten ging. Dies geschah ebenfalls auf Anordnung der Geschäftsführung, da mit diesen Eingriffen mehr Geld verdient werden konnte, als mit dem alltäglichen Programm der Akutmedizin, sprich den Kassenpatienten.

Auch hier habe ich einen Patienten mitoperiert, der einen akuten Darmverschluss hatte und aufgrund der o.g. Situation bis spät abends warten musste, da dem Notfallteam vorher kein OP zur Verfügung gestellt wurde. Als wir den Bauch dieses Patienten geöffnet haben, sind mir und meinem damaligen Chef Darmschlingen entgegengequollen, die teilweise die Größe von kleinen Autoreifen hatten.

Der Patient hat überlebt, aber er hätte Stunden zuvor operiert werden müssen, was aus finanziellen Gründen nicht erfolgt ist. Sie haben mit Ihrer Aussage, dass alle Patienten die gleiche Behandlung bekommen zwar Recht, die Frage ist nur, wann sie diese bekommen und - wie in diesem Beispiel - ob sie dann noch leben. Weiterhin haben wir uns gefragt, wie ein Geschäftsführer in einer Kleinstadt es schafft Patienten aus arabischen Ländern zu rekrutieren? Ist dies ein Einzelfall? Gab und gibt es das auch in anderen Häusern? Gibt es dabei Hilfe?

Während meiner Zeit als Assistenzärztin habe ich dann - ebenfalls bei einem Aktienkonzern -mitbekommen wie Mitarbeiter die sich gegen die Geschäftsführung stellten mit fristlosen Kündigungen bedroht und z. T wirklich fristlos entlassen wurden und sei es nur, um ein Exempel zu statuieren. Sämtliche Assistenzärzte wurden einmal in einer Email, die uns nur vorgelesen werden durfte, dazu aufgefordert in einer Nachbarklinik auszuhelfen. Dort gab es zum damaligen Zeitpunkt einen Personalmangel. Offiziell wollte man helfen, inoffiziell wurden wir in dieser Email jedoch dazu aufgefordert, dort Patienten abzuwerben.

In fast allen Kliniken musste ich immer wieder erleben, dass Kassenpatienten teilweise gesünder geschrieben wurden, als sie es tatsächlich waren und Privatpatienten teilweise kränkergeschrieben wurden. Wobei es nur ums Geld ging. Untersuchungen, die hätten belegen können, dass ein Kassenpatient eigentlich noch nicht entlassfähig war, wurden ebenso nicht unternommen wie im umgekehrten Fall bei den Privatpatient. Da wird dann in der Kurve von unklaren, diffusen abdominellen Beschwerden gesprochen und einfach eine Antibiose angehangen. Und das nur, um einen Grund für eine verlängerte Verweildauer zu haben, in der Hoffnung, dass niemand fragt, warum kein Labor zur weiteren Abklärung erfolgt ist.

Das Etat entscheidet über die Verweildauer und den letzten beißen die Hunde. Und in der Regel sind dies die Stationsärzte. Die Anordnungen kommen jedoch von ganz oben, meistens von Nichtmedizinern. Und da den Stationsärzten klar ist, dass nicht nur ihr Arbeitsplatz auf dem Spiel steht, spielen sie mit und da sie sich letzten Endes strafbar machen, halten alle den Mund. Und wenn es rauskommt ist es nicht die Führung, die gehen muss. 

Ich weiß, dass kingt alles sehr hart und ungeheuerlich, aber ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich diese Dinge so miterlebt habe, auch, wenn ich das meiste davon nicht beweisen kann. Mir ist auch bewuust, dass dies Extrembeispiele sind. Aber ich glaube nicht, dass nur ich diese Erahrungen gemacht habe und mir ist bewusst, dass keine dieser Entscheidungen primär aus Rücksichtslosigkeit, mit der Absicht sich persönlich zu bereichern oder aber in krimineller Absicht geschehen sind. 

Ein Problem unseres Gesundheitssystems besteht darin, dass wir mit Krankheit Geld verdienen und nicht mit Gesundheit. Dass Aktienkonzerne in ein System drängen, in dem es primär nicht um Geld gehen dürfte. Dass die Entscheidungen die ein Arzt zu treffen hat, solange nicht im reinen Ineresse des Patienten getroffen werden können, solange diese Entscheidungen Auswirkungen auf das gesamte Arbeitsumfeld von Ärzten haben. Hören Ärzte auf zu arbeiten, oder aber weigern Krankenkassen sich zu zahlen, verdient z. B. auch die Putzfrau, die für sie arbeitet, irgendwann kein Geld mehr und Krankenhäuser müssen schließen usw.

Das weiß auch jeder Geschäftsführer, aus dem Grund kann ich diesen Menschen auch keinen persönlichen Vorwurf machen, auch sie haben einen Auftrag und der lautet: möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten.

Dass Problem ist, dass wir alle verschiedene Interessengruppen vertreten müssen, nicht nur in der Medizin, auch in der Politik und in anderen Bereichen. So werden z. B. medizinische Entscheidungen häufig von wirtschaftlichen und rechtlichen Gründen beeinflusst, ich sage nicht, dass dies in jedem Fall so ist, aber leider viel zu oft. Von daher gibt es ganz klar eine Zwei-Klassen-Medizin. Auch wenn es hierbei nicht um die Behandlung an sich geht, aus wirtschaftlicher Sicht ist dies sehr wohl so.

Aber auch von Seiten der Patienten muss eine Veränderung kommen, wenn früher ein Kind Bauchweh hatte, wurde es ins Bett gesteckt, es gab z. B. Fernsehverbot und in der Regel waren die Beschwerden sehr schnell wieder weg. Heute wird in vielen Fällen nicht mehr selber nachgedacht, sondern gleich der Notarzt alarmiert und in der Notaufnahme auch schon mal der Name des Anwaltes fallen gelassen, der im Anschluss kontaktiert wird. Falls sich das Klinikpersonals aus Sicht der Angehörigen nicht adäquat verhält.

Patienten die außerhalb der Klinik keine Entscheidung treffen wollen oder können, wissen in der Klinik plötzlich ganz genau, was ihnen fehlt und getan werden muss, um anschließend jede Anordnung von Seiten der Ärzte zu ignorieren.

Wie Sie sehen Herr Spahn, das Gesundheitssystem ist komplex und voller Probleme, nicht nur im Bereich der Pflege und es gibt noch andere Themen, auf die ich hier nicht weiter eingehen werde.

Wir haben kranke Systeme erschaffen, die sich nur dadurch erhalten, dass Bedürfnisse erzeugt und zum Teil auch aufrecht erhalten werden. Ohne Krankheit keine Medizin, ohne Streitigkeiten keine Gerichte, ohne Kriege keine Rüstungsindustrie und ohne Probleme keine Politik. Wir alle haben also in irgendeiner Form ein Interesse daran, dass die Welt so ist, wie sie ist. 

Und hier sind wir nun alle gefordert. Meiner Meinung nach ist Prävention ein Schlüssel und dazu brauchen wir Aufklärung, aber auch die Bereitschaft aller, die Dinge zu ändern und einen Teil dazu beizutragen, dass es besser wird. 

Ich persönlich habe meinen Beruf vor knapp 2 Jahren an den Nagel gehängt. Mich hat vieles so sehr frustriert, dass ich nicht mehr bereit war, ihn unter diesen Bedingungen weiter auszuüben.

Ich hoffe, dass es Ihnen gelingen wird einige dieser Probleme zu beheben, auch, wenn es für eine einzelne Person kaum möglich sein dürfte. Nutzen Sie die Hilfe derer, die in den jeweiligen Bereichen tätig sind, nur so werden sich konstruktive Lösungen erarbeiten lassen. 

Bis jetzt ist es so, dass einige wenige die Entscheidungen treffen, nach denen viele zu leben haben und leider bekommen die Entscheidungsräger die Konsequenzen ihrer Entscheidungen nicht zu spüren, weshalb sich auch nichts ändert.

Diese Aufgabe schaffen wir nur gemeinsam. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen alles Gute und ich hoffe durch meinen Brief auch die erreicht zu haben, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und mir durch Ihre Unterschrift ihre Zustimmung geben können oder wollen und bedanke mich bei jedem, der sich die Zeit genommen hat, diesen Brief zu lesen. 

 



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