Gegen das Verbot der Kooperation mit russischen Wissenschaftler*innen

Gegen das Verbot der Kooperation mit russischen Wissenschaftler*innen

Startdatum
12. April 2022
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Warum ist diese Petition wichtig?

Gestartet von Barbara Christophe

In Reaktion auf die völkerrechtswidrige Invasion der russischen Armee in die Ukraine haben das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie eine Reihe von Organisationen der Wissenschaftsförderung, darunter die DFG, der DAAD und die Leibniz-Gemeinschaft die Aussetzung von Kooperationen mit institutionellen Partnern aus Russland angeordnet bzw. empfohlen. In laufende Projekte eingebundene russische Kolleg*innen können nicht mehr finanziert werden, der Austausch von Forschungsdaten und die Organisation von gemeinsamen Veranstaltungen wird unterbunden. Wir beobachten diese Entwicklung aus drei Gründen mit Sorge:

1.     Öl und Gas fließen weiter, aber der intellektuelle Austausch wird erschwert. Die für den russischen Staatshaushalt und damit für die Finanzierung des Krieges zentralen Finanzströme an den russischen Energiesektor werden aus Angst vor den Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft nicht angetastet, aber russische Wissenschaftler*innen, die regelmäßig kritische Position beziehen, werden bestraft. Wir haben den Eindruck, dass der Sinn dieser Maßnahmen nicht darin besteht, möglichst effizient Druck auf die russische Regierung auszuüben. Dafür gäbe es sicher geeignetere Instrumente. Aus unserer Perspektive scheint es eher darum zu gehen, auf der symbolischen Ebene, eine Entschlossenheit zur Solidarisierung mit der Ukraine zu demonstrieren, zu der man sich an anderer Stelle nicht durchringen kann.

2.     Diese Maßnahmen stellen russische Wissenschaftler*innen unter Generalverdacht. Sie reproduzieren ein Denken in Kategorien von Freund und Feind, auf das sich auch die Putin-Propaganda stützt. Außerdem liefern sie dem russischen Regime einen willkommenen Grund, Zensurmaßnahmen zu rechtfertigen und zu verschärfen.

3.     Gute Wissenschaft entsteht im Dialog. Gerade unter den gegenwärtigen Bedingungen ist es wichtig, dass der Dialog nicht abreißt. Mehr denn je brauchen wir fundiertes Wissen darüber, was in der russischen Gesellschaft vor sich geht. Gerade in Abgrenzung von und als Gegengewicht zu den totalitären Maßnahmen, die die russische Regierung ergreift, ist es wichtig, dass wir uns aktiv um Offenheit und Meinungsvielfalt bemühen. Dabei steht natürlich außer Frage, dass jede Rechtfertigung von völkerrechtswidriger Gewalt inakzeptabel ist und zum Abbruch des Dialogs führen muss. Die Zusicherung, informelle Kontakte zu Personen seien auch unter den Bedingungen des Kontaktverbots möglich, das nur Institutionen treffe, löst das Problem nicht. Gerade in Zeiten, in denen Putin von Verrätern und Abschaum spricht, müssen wir Sorge dafür tragen, dass kritische und zum Austausch bereite russische Wissenschaftler*innen nicht zum schnell erkennbaren Ziel von Repressionen werden. 

Von zentralen Stellen formulierte und damit immer pauschalisierende Vorgaben verhindern, dass wir, Wissenschaftler*innen in Deutschland, orientiert an klaren ethischen und völkerrechtlichen Prinzipien im Einzelfall entscheiden, mit wem wir zusammenarbeiten und mit wem nicht. Wir wünschen uns mehr Vertrauen in unsere Urteilsfähigkeit. Wir wünschen uns eine intensive Diskussion über die Bedingungen und Kriterien für kooperative und dialogische Wissenschaft. Gerade jetzt wünschen wir uns einen intensiven Austausch mit russischen Kolleg*innen – auch darüber, wie der Krieg in der russischen Gesellschaft verhandelt wird und wie wir kritische Stimmen unterstützen können.

(1) Dr. habil Barbara Christophe, Leibniz Institut für Bildungsmedien, Georg-Eckert-Institut

(2) Dr. Bernard Christophe, Sprachwissenschaftler, 10409 Berlin

(3) Prof. Dr. Walter Slaje, Indologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

(4) Prof. Dr. Barbara Keifenheim, Europa-Universität Viadrina

(5) Dr. Simona Szakács-Behling, Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut

(6) Prof. Dr. Martin Joachim Kümmel, Indogermanistik, Friedrich-Schiller-Universität Jena

(7) Dr. Christian Rammer, Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim

(8) Anne Bruch, Historikerin, Universität Hamburg

(9) Prof. Dr. Martin Haspelmath, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie Leipzig

(10) Jens Thomas (M.A.), Indologie, IAAW, Humboldt Universität zu Berlin

(11) Friederike Schmidt (M.A., M.A.), Institut für den Nahen und Mittleren Osten, LMU München

(12) Dr. Vladislav Serikov, Lehrbeauftragter am Institut für empirische Sprachwissenschaft, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt a.M.

(13) Dr. Karola Elwert-Kretschmer, em. Institut für Asien- und Afrika-Wissenschaften, Humboldt-Universität Berlin

(14) Prof. Dr. Erdmute Alber, Sozialanthropologie, Universität Bayreuth

(15) Prof. Dr. Julia Eckert, Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern

(16) Prof. Felix Elwert, Ph.D., University of Wisconsin

(17) Dr. Petra Kieffer-Pülz, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz

(18) Dr. Philipp Schröder, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg

(19) Prof. Dr. Ludwig Paul, Universität Hamburg

(20) Prof. Dr. Wolfgang Gantke, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt a.M.

(21) Thiago Mendes Venturott (M.A.), Institut für Altertumswissenschaften, Lehrstuhl für Vergleichende Sprachwissenschaft, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

(22) Prof. em. Dr. Stefan Zimmer, Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft, Universität Bonn

(23) Barbara Seelig, em. Landesverwaltungsamt Berlin, 14193 Berlin

(24) Prof. Dr. Diana Forker, Kaukasusstudien, Friedrich-Schiller-Universität Jena

(25) Dr. Christiane Reck, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

(26) Prof. Dr. Hermann Kreutzmann, Centre for Development Studies, Geographische Wissenschaften, Freie Universität Berlin

(27) Dr. Andrei Dörre, Institut für Geographische Wissenschaften, Freie Universität Berlin

(28) Dr. Henryk Alff, Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) 

(29) Prof. Dr. Alexander Libman, Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Osteuropa und Russland, Freie Universität Berlin

(30) Dr. Alexei Dörre, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache

(31) Dr. Matthias Weinreich, Russian-Armenian (Slavonic) University, Yerevan, Republic of Armenia

 

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