umA- Pflegeeltern im Dauerstress mit Behörden: Schluss mit dem entwürdigenden Tauziehen!

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„Gib Rat, sprich Recht, mach deinen Schatten am Mittag wie die Nacht.Verbirg die Verjagten, und verrate die Flüchtigen nicht!“ (Jesaja 16,3)

 Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

 Sie sitzt in einem Zug, von Griechenland nach Deutschland. Hoffentlich. Sie ist ohne Familie und alleine unterwegs. Sie ist 18 Jahre alt. Sie spricht kein Deutsch. Sie fährt in ein Land, von dem sie und ihre Familie hoffen, dass es ihr Arbeit und eine gute, sichere und sorgenfreie Zukunft bescheren wird. Sie hat Angst. Sie verlässt ihr Geburtsland, sie verlässt ihre Familie, die sie jahrelang nicht sehen wird. Sie, das ist meine Mutter, die 1964 nach Deutschland kam.

 Er geht. Er läuft. Er rennt. Er sitzt in einem übervollen und zu sinken drohenden Schlauchboot Richtung Griechenland, um von dort nach Deutschland zu gelangen. Irgendwie. Hoffentlich. Er ist ohne Familie und alleine unterwegs. Er ist 15 Jahre alt. Er spricht kein Deutsch. Er ist auf dem Weg in ein Land, von dem er und seine Familie hoffen, dass es ihm Arbeit und eine gute, sichere und sorgenfreie Zukunft bescheren wird. Er hat Angst. Er verlässt sein Geburtsland, er verlässt seine Familie, die er jahrelang nicht sehen wird. Er, das ist mein Mündel, der 2016 nach Deutschland kam.

 Ich bin Elena Bertolini, vor 38 Jahren in Heidelberg als Tochter einer Griechin und eines Italieners  geboren und aufgewachsen.  Mein Beruf: Jugend- und Heimerzieherin. Ich arbeite seit Ende 2015 mit Flüchtlingen, insbesondere mit UMA zusammen, und bin Vormund und Pflegemutter des mittlerweile 17 jährigen afghanischen Jugendlichen. Und das ist meine Geschichte.

 Sie beginnt mit Ihrem viel zitierten, viel gelobten und noch mehr geschmähten Appell in der Bundespressekonferenz am 31. August 2015: „Wir schaffen das!“ Und später mit Nachdruck: "Wir leben in geordneten, sehr geordneten Verhältnissen", "die meisten von uns kennen das Gefühl völliger Erschöpfung, verbunden mit Angst nicht" und zum wiederholten Mal:  "Wir schaffen das!“

 Die vielgefeierte Willkommenskultur mit offenen Händen und wedelnden Blumen habe ich in den letzten zwei Jahren nicht erleben dürfen, in denen ich meiner Aufgabe als Vormund, bei der die oberste Maxime das Wohl meines Mündels ist und nach der ich ausschließlich gehandelt habe, nachgekommen bin. Mein an mich von Ihnen gefordertes und gewünschtes Engagement und die Bemühungen gestalten sich hier ad absurdum.

 Erlebt habe ich dafür Anfeindungen, Ausgrenzungen, Animositäten, fehlende Transparenz, fehlende Schnittstellen und fehlende Zusammenarbeit sowie Austausch der verschiedenen Instanzen, fehlende Ernsthaftigkeit, Ablehnung, beharrende Uneinsichtigkeit, unprofessionell arbeitende Behörden und fehlende Empathie. Und das nicht gegenüber einem Flüchtling, sondern mir  gegenüber, einer legalen Bewohnerin dieses Landes. Sie fordern die Bürger auf, geltendes Recht und Gerechtigkeit umzusetzen, danach zu handeln. Dies gilt offensichtlich nur für den kleinen Bürger in diesem Rechtsstaat, ein Armutszeugnis.

 Ich sage hier ganz deutlich: Nein! Nicht WIR schaffen das. ICH muss das schaffen! Ohne die vermeintlich „sehr geordneten Verhältnisse“ gespürt zu haben. So oder so wird dieser Streit auf den Rücken von Menschen ausgetragen: einerseits auf denen der Geflüchteten, aber auch auf meinem, einer Bürgerin in Deutschland, die in ihrem Lebensalltag versucht, Geflüchteten zu helfen, eine neue, eine sichere Heimat geben zu können. Ich bin in Deutschland geboren. Ich lebe in Deutschland. Und ich muss darunter leiden. Und ich kenne das Gefühl völliger Erschöpfung, verbunden mit Angst.

 Ich fliehe nicht, dennoch reise ich. Getrieben. Von Behörde zu Behörde. Um das aufzufangen und richtig zu stellen, was den Behörden nicht zu gelingen vermag. Ich muss vielmehr noch erklären, was Fakt und Recht ist. Ich bin die fehlende Schnittstelle zwischen den Behörden, die fehlende strukturell verankerte Kooperation. Ich lese ständig kleine Anfragen, Anträge an Landtag oder Bundestag. Viel wird hier geschrieben, bemängelt, angemahnt, hinterfragt. Und das alles trotz der Gesetze und Urteile, trotz der Hinweise von Ministerien, in denen die Handhabungen, Regelungen, die Zusammenarbeit und sonst auch alles erklärt und gefordert wird.

Warum fällt es der Regierung und Ihnen, warum fällt es den Behörden so schwer, dies zu verstehen und umzusetzen und ich schaffe es? Ich habe keine Sekretäre, die mir all dies vorbereiten, suchen, vorkauen. Von mir wird erwartet, dass ich mein Amt als Vormund gewissenhaft und fähig, mit dem benötigten Wissen ausführe. Und dies wird genau beobachtet. Ich kann mich nicht über irgendein Gesetz oder Urteil hinwegsetzten, wie Sie, verehrte Frau Merkel, und Ihre Regierung. Und wie die Behörden.

 Meine Entscheidung war wohlüberlegt, als ich die Vormundschaft für mein Mündel, einem damals 16 jährigen afghanischen, traumatisierten Flüchtlingsjungen, übernommen habe. Ob ich meine Entscheidung bereue? Keine Sekunde lang. Nicht nur, weil sie auch für mich ein Geschenk ist, da mir diese Aufgabe so viel schöne und dankbare Momente und Erfahrungen liefert. Die mich gezwungen hat, über meinen Tellerrand hinauszuschauen. Aber auch, weil ich dadurch erleben konnte, wie wirr und willkürlich unser Rechtsapparat und unsere Behörden fungieren können. Einzeln, miteinander und untereinander.

 Von meinem Mündel wird – zu Recht- von Beginn an verlangt, sich an hier geltendes Gesetz und Recht zu halten. Von mir wird verlangt, mich an hier geltendes Gesetz und Recht zu halten. Wie hält es die Regierung, wie halten es die Behörden, wie hält es Herr Seehofer damit, geltendes Recht durchzusetzen, wie er es so schön nennt? Meine Antworten kann ich fast täglich hören, sehen, lesen. Und sie stimmen mich nicht fröhlich oder beruhigend. Und dass beschämt mich zutiefst. Ich schäme mich mir gegenüber, ich schäme mich für die Behörden, ich schäme mich für die Regierung und vor allem schäme ich mich meinem Mündel gegenüber.

 Ich möchte nicht meine ganze Geschichte der für mich vermeintlichen Institutionen- oder Behördenwillkür erzählen, nicht die ganze Geschichte über den Kampf um die Pflegschaft, denn das würde den Rahmen sprengen. Aber ich möchte nicht mehr schweigen.

Ich möchte berichten über die Anfeindungen, die Animositäten, die Unterstellungen und die Absurditäten im Zuge meiner Pflegschaft. Ich möchte berichten über die Erklärungen, dass eine Pflegschaft für mich als alleinstehende Person schwierig sei.

Ich musste erfahren, dass mein persönliches Engagement nicht nur nicht gewürdigt, sondern vielmehr bestraft wurde. Dass meine Übernahme der gesetzlichen Vertretung nicht nur die formale Abarbeitung behördlicher Angelegenheiten, sondern insbesondere die persönliche Beziehung zu meinem Mündel beinhaltet, wurde dabei ebenso vergessen wie die Bedürfnisse meines Mündels.

 Ich möchte berichten von der unprofessionellen und unverständlichen Arbeit der Behörden, die zum einen für das Wohl der UMA arbeiten sollten, zum anderen darum, ihnen eine möglichst gute Voraussetzung für die Gestaltung ihrer Zukunft in Deutschland zu schaffen. Dass hierbei Entscheidungen oder Handlungen trotz gesetzlicher Grundlagen oder grundlegenden Urteilen nach willkürlichem Ermessen getätigt wurden und sich Sachverhalte und Dinge so zurechtlegt und auslegt wurden, wie es am besten gereicht, ohne dabei das faktisch Sachliche beizubehalten. Dass schriftliche Anfragen intern immer wieder weitergeleitet wurden, da sich niemand trotz feststellbarer und vorliegender Zugehörigkeit zuständig fühlte. Dass Behörden zu Terminen einberufen, basierend auf unsauberer Vorbereitung, ohne fundiertes Hintergrundwissen und völlige Unkenntnis in dem Sachverhalt aufzeigen. Dass nicht nur übergreifend keine Kooperation zwischen Behörden oder Institutionen stattfindet, sondern auch behördenintern, so dass man zu demselben Sachverhalt zweimal angeschrieben und aufgefordert wird zu handeln.   

 Ich möchte berichten, wie oft ich mit meinem Mündel um seine Familie, um seine Verlustängste, um seine Unsicherheit, um seine traumatischen Erlebnisse, um seinem Kämpfen hier angenommen zu werden und um sein Hadern in seiner Angst um eine Abschiebung geweint habe. Und wie ich dabei an mir selbst erleben konnte, wie verunsichert und überfordert ich das ein oder andere Mal mit diesem System der Einwanderungs- und Asylpolitik bin.

 Ich möchte von der Angst berichten, die in mir wohnt, da ich nie weiß, ob ich es nicht versäumt habe, in all dem Behördenirrsinn einen wichtigen Antrag gestellt zu haben oder eine Frist nicht eingehalten zu haben.

 

·         Ob ich es nicht versäumt habe, das ein oder andere Mal lieber zu schweigen und es hinzunehmen, als zu kämpfen, nachzuhaken, beharrlich und unangenehm zu sein, damit ich dem Wohl meines Mündels gerecht werden kann, dies ihm damit jedoch oft zum Nachteil ausgelegt wurde.

·         Ob ich es versäumt habe, ihn weniger nach seiner Geschichte zu fragen, als ihn einfach in den Arm zu nehmen und ihm Sicherheit zu vermitteln. Mit jedem Nachfragen kamen nämlich die Bilder zurück die Schmerzen und die Angst.

·         Ob ich es versäumt habe, ihn erster zu nehmen, wenn er mir sagt, dass er nicht lachen könnte. Nur wer sicher ist und frei leben dürfe, der könne richtig lachen. Aber ich könnte ihm diese Sicherheit nicht geben.

·         Ob ich es nicht versäumt habe, mehr Integrationsarbeit an und mit meinem Mündel zu leisten, damit er aus Sicht der Regierung und den Behörden als integriert angesehen wird.

·         Ob ich es nicht versäumt habe, noch mehr in mein Mündel zu investieren, damit er seinen Hauptschulabschluss nicht nur als Klassenbester, sondern als Schulbester absolvieren hätte können und mehr als das B2 Niveau nach 2 Jahren hätte erreichen können.

·         Ob ich es nicht versäumt habe, ihm eine bessere Ausbildung als die des Bauzeichner zu ermöglichen, damit er als qualifizierter für den deutschen Arbeitsmarkt gilt und dem neuen Zuwanderungsgesetz gerecht wird.

·         Ob ich es nicht versäumt habe, ihn in mehr als nur einem Sportverein unterzubringen, in dem er als erfolgreicher Stammspieler und guter Teamkamerad aufgenommen wurde und voll integriert ist.

·         Ob ich es versäumt habe, dass ich nicht selbst nach Kabul gereist bin, sondern ihn nur zur afghanischen Botschaft nach Bonn begleitet habe, um ihn bei dem beschwerlichen Weg, seine Identität auch schriftlich zu belegen, zu unterstützen. Aber ich habe ehrlich gesagt Angst dorthin zu reisen, wenn ich neben den Warnungen des Auswärtigen Amtes fast täglich all diese Nachrichten mit den vielen Toten (u. a. kürzlich in Ghazni, dem Herkunftsort der Familie meines Mündels) höre und die Bilder dazu sehe.

·         Ob ich es nicht versäumt habe, ihm meine, unsere Kultur schneller und eindringlicher einzuverleiben und nicht aus Rücksicht auf dem Hintergrund einer völlig fremden und andersdenkenden Kultur ihm die Zeit ließ, damit er sich mit dieser auseinandersetzen und diese in seinem Tempo annehmen konnte.

·         Ob ich es nicht versäumt habe, gemäß meines Amtes als Vormund und somit als klare Interessenvertretung nach außen sowie Fürsprache und Schutz, seinem Wunsch nach Ruhe, nach Stabilität und Geborgenheit eher nachzukommen und ihn eher als Pflegekind an- und aufzunehmen.

 Dies alles musste ich erfahren und ertragen, da ich mich mit all den mir zur Verfügung stehenden Mitteln für mein Mündel und meine damit verbundene Aufgabe einsetzte. Und vor allem deswegen, da ich dies aus tiefsten Herzen und Überzeugung tue.

 Wie sagten Sie in einem Interview mit der Welt am Sonntag am 6. 9. 2017?: „Für mich war der Satz keine rhetorische Besonderheit, sondern Ausdruck meiner Grundhaltung im Leben.“ Wenn uns der Staat nicht ständig Knüppel zwischen die Beine werfen würde, könnten mein Mündel  und ich auch endlich sagen: „Wir schaffen das!“

 Mit freundlichen Grüßen,

Elena Bertolini



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