2020 - Keine ABITURPRÜFUNGSPFLICHT in MV

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Hiermit fordern wir das Bildungsministerium von MV auf, die Stimmen hunderter Schüler*innen unseres Landes zu erhören und mehr Rücksicht auf die derzeitigen Umstände durch den Coronavirus in Bezug auf die Abiturprüfungen zu nehmen.

Mit dieser Petition fordern wir, die geplanten Abiturprüfungen diesem Jahr auf freiwilliger Basis durchzuführen. In dem Falle tritt ein Durchschnittsabitur als Abschlussnote ein.

Die geplante Durchführung der Abiturprüfungen ab dem 08. Mai 2020 halten wir aus verschiedenen Gründen für unzumutbar und unverantwortlich:

1. Unzureichende Prüfungsvorbereitung

Das Selbststudium des noch nicht behandelten prüfungsrelevanten Lernstoffes sowie die stark verkürzten Konsultationstermine erschweren die effektive und nachhaltige Prüfungsvorbereitung (Konsultation statt 2 Wochen nur 90 min pro Prüfungsfach). Zudem gehören viele Oberstufenlehrer bereits zu einer Risikogruppe und dürfen aus Sicherheitsgründen keinen Präsentsunterricht mehr leisten. Die Konsultation erfolgt also teilweise durch Vertretungslehrer, die nicht mit den Stärken und Schwächen der jeweiligen Kurse vertraut sind.

2. Ansteckungsgefahr und Gefährdung des familiären Umfelds

Es ist unvermeidbar, in einer öffentlichen Einrichtungen wie einer Schule die erneute Verbreitung des Coronavirus trotz erhobener Hygieneschutzauflagen zu unterbinden, sollte allein eine einzige Person infiziert sein. Die Mehrheit der Schüler gehört zwar nicht in eine Risikogruppe, jedoch kann die Krankheit auch hier einen schweren Verlauf nehmen. Außerdem leiden viele Schüler unter der Angst, die eigene Familie anzustecken und ihre Gesundheit zu gefährden.

3. Unterschiedlicher digitaler Standard an Schulen

In den Medien wird häufig von fortschrittlichem Online-Unterricht, wie zum Beispiel Videokonferenzen und Lifestreams berichtet. An vielen Schulen entspricht diese Möglichkeit jedoch nicht der Realität und der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern beschränkt sich in den meisten Fällen auf den E-mailverkehr. Dieser Umstand erschwert die Bewältigung von Unklarheiten und Fragen enorm. Aufgrund der ungleichen digitalen Bedingungen an den Schulen können keine fairen Bedingungen gewährleistet werden.

4. Geringe Gewährleistung der Hygienebedingungen

Oftmals beschränken sich die Toilettenräume und Gänge auf wenige Quadratmeter und verhindern somit die Einhaltung des Mindestabstands von 1,5 m. 

5. Fehlende Routine im Lernalltag

Das langfristige kontinuierliche Lernen ohne eine festgelegte Routine, erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Eigenmotivation. Dies lässt sich in beständiger Ungewissheit über die Entwicklung des Coronavirus nur beschränkt aufbringen.

6. Familiäre Spannungen als Ablenkung

Existenzielle Sorgen einiger berufstätiger Eltern, können sich auf die gesamte Familie übertragen und zu einer zusätzlicher mentalen Belastung der Schüler führen. Zudem stehen viele Schüler in Verantwortung, jüngere Geschwisterkinder zu beschäftigen und anderen familiären Pflichten nachzukommen. Eine angemessene Lernatmosphäre wird somit auf Dauer erheblich gestört.

7. Zu enger Prüfungszeitraum

Zu viele Prüfungen in zu kurzer Zeit können sich negativ auf die individuellen Leistungen der Abiturienten auswirken. Sich innerhalb einer Woche auf mehrere Fächer vorbereiten zu müssen, führt zum sogenannten Bulimielernen, wobei das bereits Gelernte schnell wieder vergessen wird, um sich auf ein neues Stoffgebiet zu vorzubereiten.

Aus den von uns aufgeführten Argumenten geht klar hervor, dass fast jeder Schüler mit den durch den Coronavirus resultierenden Belastungen zu kämpfen hat. Da wir bei der Studienplatzvergabe auch mit anderen Abiturjahrgängen konkurrieren müssen, entfällt jegliche Gerechtigkeit und verlangt nach einer Änderung bezüglich der geplanten Abiturprüfungen in diesem Jahr. 

Wir bitten um Eure Unterstützung, um für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen und endlich gehört zu werden.

Carolin Laupitz und Emily Wagner (Friderico-Francisceum Gymnasium zu Bad Doberan)

Wenn ihr Fragen habt, kontaktiert uns gerne unter:

carolinlaupitz@gmail.com

emiwagner14@gmail.com

P.S. im folgenden könnt ihr euch die E-mail durchlesen, welche wir an das Bildungsministerium geschickt haben.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind zwei Abiturientinnen des Friderico-Fransciceum Gymnasiums zu Bad Doberan und sehen uns, wie hunderte andere Schüler*innen unseres Landes, momentan mit vielen Problemen bezüglich der bevorstehenden Abiturprüfungen durch die Corona-Pandemie konfrontiert. Mit diesen Sorgen wenden wir uns hiermit an Sie, um Ihnen als Mitentscheidungsträger Input über unsere Gedanken und Erfahrungen in dieser Situation zu geben und wir hoffen, Sie damit zum Überdenken der bisher getroffenen Maßnahmen anzuregen.

Zunächst wollen wir Ihnen versichern, dass wir uns bereits in Form von vielen Diskussionen und Recherchearbeiten versucht haben, in Ihre Lage zu versetzen und keineswegs eingefahren in unserer eigenen Meinung sind. Wir sind uns darüber bewusst, dass es schwierig ist, eine endgültige Entscheidung zu treffen, welche sich nicht nur an die gegebenen Umstände anpasst, sondern auch für uns Schüler gerecht ist. Nichtsdestotrotz halten wir eine planmäßige Durchführung der Abiturprüfungen ab dem 8. Mai für unverantwortlich, unmoralisch und keineswegs gerecht.
Das ausschlaggebendste und wichtigste Argument für uns ist hierbei die Gesundheit. Wir sprechen hier von einer Pandemie, die derzeitig auf alle Zweige unseres Systems Einfluss nimmt. Ob Wirtschaft, Politik oder das gesellschaftliche Miteinander - momentan gibt es kein anderes Thema als den Coronavirus. Besonders die Risikogruppen (ältere, vorerkrankte, behinderte und neugeborene Menschen) bangen um ihr Wohlergehen. Natürlich zählt eine breite Masse der Schüler nicht unbedingt in diese Risikogruppen, jedoch kann auch hier die Infektion mit dem Virus einen schweren bis tödlichen Krankheitsverlauf nehmen. Darüber hinaus möchte kein*e Schüler*in dafür verantwortlich sein, eine Gefahr für das eigene familiäre Umfeld darzustellen. Hierbei können wir selbst für Mitschüler*innen in unserem unmittelbaren Umfeld sprechen, die mit ihren Großeltern zusammenleben oder Eltern haben, welche aufgrund ihrer Vorerkrankungen besonders geschützt werden müssen. Die Schüler*innen stehen dadurch einer großen Verantwortung gegenüber und sehen sich einem enormen psychischen Druck ausgesetzt, der weit über die eigentliche Lernsituation hinausgeht. Für uns beschreibt dieser Umstand eine Ungerechtigkeit, da sich kein Schüler zwischen der Gesundheit der eigenen Familie und der Absolvierung des Schulabschlusses entscheiden sollte.
Doch nun stellen wir uns die Situation vor, dass rund fünfzehn Schüler mitsamt Aufsichtsperson für sechs Stunden in einem Raum sitzen. Laut Christian Drosten, Virologe, Hochschullehrer und Institutdirektor bei der Charité in Berlin, gilt jeder Raum in Coronazeiten als kontaminiert. Beim Ausatmen, Niesen und Husten werden kleine, feuchte Partikel abgegeben, die sich für längere Zeit in der Luft halten und auch bei einem offenen Fenster zur Belüftung des Raumes beständig bleiben. Sollte eine Person im Raum den Coronavirus in sich tragen, ist die Gefahr der Ausbreitung  des Virus also enorm hoch. Wir sind uns sicher, dass Sie sich über dieses Ansteckungsrisiko im Klaren sind und wollen in diesem Zusammenhang auch auf die unzureichenden Schutz- und Hygienemittel an Schulen verweisen. Täglich informieren die Medien über die ausgehenden Desinfektions- und Schutzmaskenbestände in Krankenhäusern und im Internet werden diese Mittel teuer gehandelt. Wie soll an unseren Schulen die notwendige Sicherheit in der Prüfungssituation gewährleistet werden, wenn es schon in Krankeneinrichtungen zu Engpässen kommt? Wir empfinden diesen Umstand als unverantwortlich, da die Gesundheit der Abiturienten und der Lehrer nicht garantiert werden kann.
Vorhin haben wir schon einmal die Vorbereitung auf die Abiturprüfungen angesprochen. Für uns stellt dieser Punkt eine außergewöhnliche, mit anderen Jahrgängen unvergleichbare Belastung dar. Wir alle sitzen momentan zu Hause und fragen uns, wie wir uns ohne jegliche Form von Konsultation und Online-Unterricht bestmöglich auf die Prüfungen vorbereiten sollen. In der Kritik heißt es oft, die Abiturienten wären als junge Erwachsene in der Lage, eigenständig relevante Aufgaben zu üben und in Eigenverantwortung jeglichen wichtigen Stoff aus den vergangenen Schuljahren zu wiederholen. Wie kann es da sein, dass sich die Schüler darüber beklagen, sich nicht gut genug auf die Prüfungen vorbereiten zu können? Diese Frage haben wir nicht nur uns selbst, sondern auch unseren Mitschülern gestellt. Nennenswert ist hierbei auf jeden Fall der fehlende direkte Austausch mit dem Lehrer und Klassenkameraden. Es ist für uns teilweise unmöglich, bei individuellen Unverständlichkeiten bezüglich des Unterrichtsstoffs, welcher im Rahmen des 4. Kurshalbjahres zum Teil nicht mehr geschafft wurde und durch Selbststudium erarbeitet werden muss, notwendige Erklärungen durch den Lehrer zu erhalten. Statt über regelmäßige Videokonferenzen beschränkt sich der Kontakt zwischen Schüler und Lehrer auf den obligatorischen E-Mail-Verkehr und sogar hier wurde uns schon von Fällen berichtet, bei denen die Antwort durch den Lehrer ausblieb. Hinzu kommt die offensichtliche Ablenkung am Arbeitsplatz Zuhause. Schüler*innen, die in einem Haushalt mit (kleinen) Geschwistern leben, stehen oftmals in der Verantwortung, das jüngere Kind zu beschäftigen und womöglich sogar Nachhilfe zu geben. Die eigenen Prioritäten werden hier zum Wohle des familiären Zusammenlebens oftmals hinten angestellt, selbst wenn man trotz Allem die für sich beste Leistung in den Abiturprüfungen anstrebt. Natürlich fehlt jedem*r Schüler*in in der momentanen Situation auch die gewohnte Struktur und Routine, welche normalerweise einen wichtigen Lernalltag schafft.
All das, gepaart mit dem typischen Prüfungsdruck, staut sich seit Wochen an und frustriert uns. Besonders die Erstveröffentlichung der Prüfungstermine hat uns schockiert und widerspricht sich mit dem eigentlichen Ziel des Bildungsministeriums: Zum Wohle der Schüler gerecht zu handeln. Mit diesem Schreiben verfolgen wir das Ziel, Ihnen die derzeitige Situation aus Sicht der Schüler zu vermitteln und zu verdeutlichen, dass wir uns nicht gerecht behandelt fühlen, sollten die Abiturprüfungen tatsächlich am 8. Mai beginnen. Wir halten das Durchschnittsabitur für eine moderne und angemessene Alternative in Anbetracht der Corona-Pandemie und plädieren darauf, dass diese Maßnahme in der zukünftigen Debatte über die Abiturprüfungen 2020 nicht ausgeschlossen wird.
Bitte denken Sie an das psychische und physische Wohlergehen aller Schüler*innen und ihrer Angehörigen.

Mit freundlichen Grüßen
Alina Struck und Carolin Laupitz
Abiturientinnen des Friderico-Francisceum Gymnasiums zu Bad Doberan