Berliner Kinder zurück in Kitas und Schulen

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Die aktuelle Situation in der Corona-Pandemie ist für (fast) alle Bürgerinnen und Bürger eine Belastung: wirtschaftliche Einbußen bis hin zu Existenznöten, Kurzarbeit, Kontaktbeschränkungen und geschlossene Bildungseinrichtungen. Andere Menschen müssen zum Teil mit extremer Arbeitsbelastung umgehen, weil sie zum Beispiel im medizinischen Bereich, in der Pflege und in weiteren systemrelevanten Berufen an der Belastungsgrenze und zum Teil darüber hinaus arbeiten. 

Das sind äußerste Belastungssituationen, in denen es zu helfen gilt – was der Berliner Senat auch mit Hilfspaketen und mit Lockerungen der zunächst aufgrund der Corona-Pandemie verhängten Regeln tut. Für Unternehmen, zuletzt insbesondere für den Einzelhandel, wurden flexible Regeln geschaffen, die einen wirtschaftlichen Stillstand bzw. Zusammenbruch der lokalen Wirtschaft verhindern.

Es gibt aber auch Gruppen von Menschen in Berlin, die ebenfalls auf eine Lockerung der Kontaktsperren und auf flexible Regeln für die kommende Zeit angewiesen sind: Kinder, die aus ihrem gewohnten Tagesablauf gerissen sind, Gleichaltrige nicht mehr sehen, keinen Freizeitaktivitäten nachgehen und keine Bildungsangebote mehr wahrnehmen können.

Durch die Situation sind in Berlin etwa 350.000 Familien mit Kindern bis zu 18 Jahren betroffen. Die wenigsten von ihnen arbeiten in systemrelevanten Berufen und haben deshalb keinen Anspruch auf Notbetreuung.

Viele Familien mit kleinen Kindern sind selbst im Normalzustand mit intakten Betreuungs- und Unterstützungsnetzwerken stark belastet. Wenn all dies jedoch längerfristig ausfällt, sind auch stabile Familienkonstellationen überstrapaziert. Um ihre Aufgaben zu erledigen und Arbeitszeiten ansatzweise einzuhalten, müssen viele Eltern im Homeoffice derzeit ihre Arbeitszeiten auf den frühen Morgen ab 5.30 Uhr und dann nochmal abends bis 22:30/23 Uhr verlegen.

Eltern von Kindern im Kita- und Schulalter geraten an ihre Belastungsgrenzen. Dauert die Schließung von Schulen und Kitas an, droht eine erhebliche Verschlechterung der Lage für erwerbstätige Frauen, die bereits vor der Corona-Krise die Hauptlast der Betreuung von Kindern geschultert haben und durch die Krise dazu gedrängt werden, ihre berufliche Arbeit hinter die häusliche Arbeit zu stellen. Für Alleinerziehende ist die Situation in jeder Hinsicht verheerend. Vor allem aus Sicht der Kinder ist eine fortgesetzte monatelange Isolation belastend. Den Kindern entgehen soziale Kontakte, Bildungs- und auch Bewegungsangebote. Die ungleich verteilten Bildungschancen werden verstärkt.

Es lässt sich heute schon absehen, dass die gesamte Gesellschaft mit hohen gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Kosten dieser Situation rechnen muss.

Deshalb muss der Berliner Senat Perspektiven anbieten, die deutlich über die bisher allgemeinen Aussagen „Kindertagesstätten bleiben vorerst geschlossen“ oder „Schulkinder werden in den nächsten Monaten wieder in die Schulen zurückkehren“ hinausgehen. Berliner Eltern und die Gesamtheit der Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt brauchen Lösungen – und zwar jetzt.

Wir, die Eltern der Kinder, fordern vom Berliner Senat einen Plan für die langsame, verantwortungsbewusste Rückkehr in den Kita- und Schulbetrieb.

Für die Schulen:
Wir fordern den Berliner Senat auf, ein Konzept für die schrittweise Wiedereröffnung von Schulen für alle Berliner Schulkinder zu erstellen:

- über die Abschlussjahrgänge hinaus, Konzepte für die schrittweise Rückkehr von Schülerinnen und Schülern zu einem Präsenzunterricht,
- Konzepte, wie Präsenzunterricht und Unterricht bzw. Schularbeiten von zuhause aus miteinander verbunden werden,
- Unterricht in Kleingruppen oder in Schichten,
- Konzepte für Unterricht im Freien,
- Sportangebote unter Einhaltung von Abstandsregeln,
- Flexible technische Lösungen un finanzielle Unterstützung (Bereitstellen von Laptops, Internetverbindungen) für Familien, deren Kinder andernfalls nicht regelmäßig und über Monate hinweg nicht an Lernangeboten teilnehmen und Prüfungsleistungen erbringen können.

Für die KiTas:
Wir fordern den Berliner Senat auf, ein Konzept für die Wiedereröffnung von KiTas und Kindergärten zu erstellen. In einem ersten Schritt könnte das konstante Kontaktverbot für Kindergruppen (Kinderzahl < 6) aufgehoben werden.

Sollten sich die Infektionszahlen und die Anzahl schwerer Verläufe einschließlich Todesfälle nicht über Gebühr erhöhen, kann der Betrieb in KiTas, Kindergärten und Schulen schrittweise für alle Kinder wieder aufgenommen werden. Für die vorsichtige Wiederaufnahme gibt es bereits Vorschläge ( Petition für KiTas, Antrag des SPD-Landesvorstandes Berlin, Young Scientists):

- Zeitbetreuungsmodelle in Schule und Kita mit Kleingruppen und reduzierten Betreuungs- bzw. Unterrichtszeiten,
- Umverteilen der Arbeitslast, insbesondere dort, wo Kolleginnen und Kollegen, die zu einer Risikogruppe gehören, ausfallen,
- mehr KiTa-Personal und Erzieherinnen und Erzieher an Grundschulen für bessere Betreuungszahlen und Hilfe bei der Organisation des KiTa- und Schulalltags und der Durchsetzung von Abstandsregeln,
- Einhaltung von Abstand zu Risikogruppen,
- Bereitstellung von Warmwasser und ausreichenden Mengen von Seife, Papierhandtüchern und Desinfektionsmitteln in KiTas, Kindergärten und Schulen.

Der Deutsche Kitaverband hat bereits Vorschläge für die Gestaltung einer schrittweisen Rückkehr vorgelegt (Link). Als Kriterien für eine Wiederzulassung zur Betreuung werden hier u.a. genannt:
- Symptomfreiheit der Kinder;
- kleinere Gruppen und verkürzte Öffnungszeiten in der Übergangszeit, evtl. Schichtbetrieb;
- keine gruppenübergreifende Nutzung von Gemeinschaftsräumen;
- außerdem die Beibehaltung der bisherigen Quarantäne-Regelungen (bis hin zu möglicher plötzlicher Schließung).

KiTa-Kinder und auch jüngere Schulkinder werden Abstandsregeln nicht vollumfassend einhalten können und auch eine Maskenpflicht ist in diesem Umfeld schwer umsetzbar. Lösungen zu finden für Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer oder Eltern, die der Risikogruppe angehören, wird jetzt allerdings genau so schwierig sein wie zu späteren Zeitpunkten, so lange bis ein Impfstoff zugelassen und flächendeckend zum Einsatz gekommen sein wird. Deshalb muss es Wege und Perspektiven jenseits der Alles-oder-Nichts-Varianten geben, wie in anderen Bereichen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens auch.

Soweit die KiTas und Schulen aus Infektionsschutzgründen nicht öffnen können, erwarten betroffene Eltern zu Recht, dass zumindest über Alternativen diskutiert wird.

Weitere Maßnahmen:
- Für Eltern muss die aktuelle Situation als Grund für bezahlten Sonderurlaub anerkannt werden
- Notwendig ist auch ein gesetzlicher Anspruch auf Arbeitszeitverkürzung
- Der Berliner Senat und der Regierende Oberbürgermeister sollten auf Bundesebene die bereits bestehenden Vorschläge zu einer Corona-Elternzeit sowie eines Corona-Elterngeldes, also einen Rechtsanspruch auf Arbeitszeitreduzierung mit entsprechendem Kündigungsschutz und eine Einkommensersatzleistung, voran treiben
- Verbunden mit der weiteren Öffnung muss eine Debatte über Aufwertungen des Erzieher*innen- und des Lehrer*innen-Berufs geführt werden (insbesondere Angestelltenverhältnis, Bezahlung, Weiterbildung)