Petition GymLap

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Um die Petiton zu veranschaulichen und rechtskräftig zu machen, sammeln wir aufgrund der Lage die Unterschriften digital.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
Wir, die Schüler und Schülerinnen des Abiturjahrgangs des Gymnasiums Lappersdorf, möchten uns mit diesem Schreiben an Sie wenden, um Ihnen unsere Sorgen, Ängste und Wünsche in Bezug auf die geplanten Abiturprüfungen mitzuteilen.
Selbstverständlich ist uns bewusst, dass in einer solchen Ausnahmesituation die Prioritäten nicht allein bei unseren Interessen gesetzt werden können, und doch sind wir uns alle einig, wo unsere Prioritäten liegen sollten: bei der Gesundheit aller. Unser Ziel ist es nicht, diese Krise möglichst schnell zu überstehen oder sofort wieder reibungslos in die Weltwirtschaft einsteigen zu können. Nein, unser Ziel ist viel tiefer verwurzelt, nämlich im Fundament der Maslowschen Bedürfnispyramide: Unser höchstes Gut sind die physiologischen Bedürfnisse der Menschen. Wir wollen, dass jeder genug zu essen und zu trinken hat, wir wollen, dass alle nachts ruhig schlafen können und selbstverständlich wollen wir auch nicht dafür verantwortlich sein, das Leben von Menschen leichtsinnig aufs Spiel zu setzen.
Und deswegen appellieren wir an Sie:
Bitte stellen Sie unsere Bildung nicht über unsere Gesundheit!
Denn wir haben Angst.
Wir haben Angst um unsere Eltern, die immer noch jeden Tag in die Arbeit gehen, sofern sie diese Möglichkeit überhaupt noch haben. Wir haben Angst um unsere Geschwister, die mit uns zusammenleben und die wir jeden Tag einem neuen Risiko aussetzen. Wir haben Angst um unsere Großeltern, die allein sind und die wir eine lange Zeit nicht besuchen dürfen, weil wir ihnen damit den Tod ins Haus bringen könnten. Wir haben Angst um uns selbst, denn auch wenn die Fälle von Corona bei Teenagern bis jetzt größtenteils glimpflich ausgegangen sind, wissen wir, dass auch das Leben junger Menschen durch das Virus gefährdet sein kann. Und solch ein überraschender Einzelfall ist am Ende genauso schlimm wie ein Risikopatient, der allerdings im Falle einer chronischen Erkrankung wie zum Beispiel Asthma auch durchaus kein Erwachsener sein muss.
Natürlich wissen wir Schüler*innen, dass eine politische Entscheidung nicht aus emotionalen Beweggründen gefällt werden darf. Deswegen möchten wir Sie auf folgende Punkte hinweisen.
Echte Unterrichtsstunden können nicht ersetzt werden!
Wir sind allen Lehrer*innen dankbar, die versuchen, uns in dieser Zeit durch Onlineunterricht, Übungsaufgaben oder sonstige Möglichkeiten, die das Homeschooling vorsieht, zu unterstützen, doch wir merken jeden Tag aufs Neue, dass diese Maßnahmen den wirklichen Schulalltag nicht ersetzen können. Die Konzentration fehlt, die Internetverbindung ist schlecht oder in manchen Haushalten gar nicht vorhanden, ein adäquates Lernumfeld ist nicht gegeben und vielen Schülern fällt es schwer, sich aus eigenem Antrieb zu motivieren, vor allem da die ganze Zeit über ungewiss bleibt, wann und ob es überhaupt normal weitergehen kann.
Die Abiturprüfungen würden unter unfairen Bedingungen und Voraussetzungen stattfinden.
Das führt uns zum nächsten Punkt, denn diese ungerechten Bedingungen sorgen für ein landesweit nicht gleichgestelltes Abitur. Die Unterschiede in den aktuellen Lehrmethoden sind einfach zu groß, selbst der Vergleich zwischen einzelnen Kursen an ein und derselben Schule zeigt, dass die einen um Längen besser auf den Stoff vorbereitet werden als die anderen. In unserem Jahrgang gibt es beispielsweise nur einen einzigen Lehrer, der seinen Kurs über Skype unterrichtet, während alle anderen Schüler*innen sich mit Aufgaben oder gar einfachen Buchseiten, die selbstständig bearbeitet werden sollen, zufriedengeben müssen. Durch diese Umstände, die sich schon allein mit Blick auf unsere Schule zeigen, ist es unserer Meinung nach nicht möglich, dass für die Abiturprüfungen 2020 faire Bedingungen herrschen. Denn selbst wenn der Unterricht einen Monat vor den Prüfungen wie geplant stattfinden sollte, so ist dieser Zeitraum in keinem Fall ausreichend, um den verlorenen Stoff wieder aufzuholen, wiewohl diese Periode uns doch eigentlich hätte ermöglichen sollen, das bereits Erlernte zu üben und zu wiederholen. Auch dieser Umstand bereitet vielen Schülern Sorge und macht ihnen Angst, nicht genügend auf das ungewisse Kommende vorbereitet zu sein.
Der Unterricht in Onlineklassen ist in anderen Ländern, wie beispielsweise Großbritannien, durchaus besser organisiert und trifft auch eine breitere Masse an Schüler*innen. Und das, obwohl dort sowie in Frankreich die Schulen coronabedingt schon längst auf das sogenannte „Durchschnittsabitur“ umgestiegen sind , wohlgemerkt mit weitaus niedrigeren Fallzahlen als in Deutschland . Trotzdem halten wir hierzulande noch immer um jeden Preis daran fest, die Abiturprüfungen dieses Jahr wie gewohnt zu schreiben.
Normaler, konzentrierter und sicherer Unterricht ist in Coronazeiten nicht möglich.
Die Zahl der Coronafälle in Deutschland steigt täglich weiter , weshalb es zu diesem Zeitpunkt grob fahrlässig wäre, tausende Schüler*innen und Lehrer*innen wieder in die Schule zu schicken. Auch wenn die Zahlen über Feiertage wie Ostern logischerweise zurückgehen werden, bedeutet das nicht, dass die Gefahr vorbei ist, denn sie sinken ja nicht nachhaltig, sondern nur für die Dauer der Osterzeit, in der man zu Hause bei seiner Familie bleibt und die Supermärkte geschlossen haben.
Denn selbst wenn es Sicherheitsmaßnahmen wie das Einhalten des Sicherheitsabstands oder das Tragen von Masken geben soll, so funktioniert dieser Schutz nur in der Theorie. Ein Abstand von 1,5 Metern ist unmöglich während eines gesamten Schultages einzuhalten; man hat zusammen Unterricht in einem (überdies oft kleinen) Klassenraum, unterhält sich in der Pause oder leiht sich nur einen Stift vom Mitschüler und riskiert sofort, sich anzustecken. Das sind keine guten Bedingungen für einen konzentrierten Unterricht. Ganz zu schweigen davon, dass Maßnahmen, wie z.B. das Tragen von Schutzmasken, kontinuierlich dazu beitragen würden, dass man sich zu jeder Sekunde der Gefahr, in der man sich befindet, bewusst ist, was eine Fokussierung auf den Lehrstoff erheblich erschwert. Hier möchten wir auch anmerken, dass das Tragen von Schutzmasken für die Brillenträger*innen unter uns ein unmögliches Unterfangen darstellt, da der eigene Atem die Brille beschlagen lässt und dem/r Schüler*in die Sicht nimmt. Da ist es unserer Meinung nach auf jeden Fall die bessere Lösung, solche Masken den Krankenhäusern, Pflegediensten und anderen Institutionen zu überlassen, die diese noch nötiger brauchen.
Wir sprechen uns für die freie Wahl zwischen einem „Durchschnittsabitur“ und „normalen“ Abiturprüfungen aus.
Doch neben diesen ganzen Problemen ist für uns Schüler*innen vor allem eines entscheidend: Unsere Bildung ist uns auf keinen Fall wichtiger als die Gesundheit unserer Liebsten. Keine*r von uns möchte es riskieren, unsere - zum Teil gefährdeten - Eltern, Großeltern oder Nachbarn anzustecken, nur um ein Abitur zu schreiben, das ohnehin unter keinen Umständen normal oder fair sein wird.
Das mag auch einer der Gründe sein, weshalb eine Onlineabstimmung unseres Jahrgangs mit knapp 98 % für die freie Wahl zwischen einem Durchschnittsabitur und den normalen Abiturprüfungen ausgegangen ist.
Natürlich verstehen wir auch Schüler*innen, die mit der Ablegung von Abiturprüfungen ein besseres Ergebnis als bei einem Durchschnittsabitur zu erzielen erhoffen, weswegen wir uns an erster Stelle für die oben genannte Wahlmöglichkeit aussprechen. Doch sollte dies nicht umsetzbar sein, ist für den Großteil der Schüler*innen des Gymnasiums Lappersdorf ein Durchschnittsabitur immer noch die tragbarere Lösung als die Durchführung von Abiturprüfungen, da in dieser kurzen Zeitspanne keinesfalls die restlichen Klausuren UND die ausstehenden Abiturprüfungen zu unserer Zufriedenheit durchgeführt werden können. Einige haben auch den Wunsch geäußert, gerne in beiden Fällen die Möglichkeit zu haben, sich beispielsweise durch mündliche Nachprüfungen verbessern zu können.
Uns ist auch bewusst, dass uns der Ruf als „Corona-Abiturjahrgang“ immer bleiben wird und wir schon allein dadurch eventuell mit einer gewissen Benachteiligung rechnen müssen. Selbst wenn das Durchschnittsabitur nicht durchgesetzt wird, könnte uns bei „normal“ stattfindenden Abiturprüfungen später auch der Makel anhaften, dass die Lehrer*innen uns aufgrund der schwierigen Allgemeinsituation großzügiger und wohlwollender bewertet hätten. Auch das Argument, dass ein Durchschnittsabitur kein reelles Ergebnis darstellen würde, sehen wir als haltlos an. Denn mit den Ergebnissen aus der elften und zwölften Klasse stehen zwei Drittel unseres Abiturs sowieso schon fest, und damit ist ein Durchschnitt zurecht ein reeller Ansatz, die Wirklichkeit widerzuspiegeln.
Die Krise wirkt sich nicht nur auf unsere Gesundheit aus, sondern auch auf unsere Psyche.
Alle Schüler*innen stehen derzeit unter einem besonderen Druck. Doch nicht nur wir, auch unsere Lehrer*innen haben mit der Situation zu kämpfen und haben zum Beispiel eigene Kinder, um die sie sich kümmern müssen. Die Situation zu Hause ist in jeder Familie angespannt, diese Ausnahmesituation macht uns alle nervös, die Isolation nimmt uns den so wichtigen Ausgleich zum Lernen und es tritt mittlerweile eine regelrechte Quarantänemüdigkeit auf. All das macht es uns unmöglich, den Fokus auf unsere Abiturvorbereitung zu richten, gerade jetzt, wo wir uns besonders konzentrieren sollten. Viele Schüler*innen haben momentan auch mit anderen Problemen zu kämpfen, die es ihnen unmöglich machen, sich angemessen vorzubereiten.
Eine Mitschülerin unserer Schule lebt z.B. mit ihrer Mutter zusammen, die unter einer Autoimmunerkrankung leidet und damit eine Risikopatientin ist. Somit entfällt für diese Schülerin die Möglichkeit, nach draußen zu gehen, um beispielsweise ihre Nachhilfestunden wahrzunehmen, gleichzeitig hat sie aber das Problem, dass in ihrer Wohnung kein Internetanschluss vorhanden ist. Das macht es für sie unmöglich, sich angemessen auf kommende Leistungsnachweise oder gar Abiturprüfungen vorzubereiten.
Ein weiterer Mitschüler des Gymnasiums Lappersdorf hat ein ähnliches Problem. Er wohnt mit seinen pflegebedürftigen Großeltern zusammen, weshalb er und seine Familie absolut kein Risiko eingehen dürfen. Sie verlassen das Haus überhaupt nicht, Einkäufe werden geliefert, und der Nachhilfelehrer ist selbst über 60 Jahre alt, so dass der Nachhilfeunterricht, der nun über Skype abgehalten wird, sich zusätzlich schwierig gestaltet. Dieser Schüler möchte die Gesundheit seiner Familie und vor allem seiner Großeltern nicht aufs Spiel setzen. Unter solchen Umständen erscheint das Abitur wie eine vergleichsweise unwichtige Prüfung. Gesundheit geht vor!
Um noch ein letztes Beispiel zu nennen: Ein anderer Mitschüler hat zu Hause mit einigen Komplikationen zu kämpfen. Seine Mutter ist vor kurzem operiert worden und kann sich kaum bewegen; dazu kommt noch ihre akute Anfälligkeit für das Coronavirus. Sein Vater leidet an einer chronischen Krankheit und wurde als Risikopatient von der Arbeit freigestellt, was auch Auswirkungen auf die finanzielle Situation der Familie haben wird. Seine Großmutter lebt allein etwa eine halbe Stunde von der Familie entfernt. Sie braucht spätestens jeden dritten Tag jemanden, der sie mit Lebensmitteln versorgt und sie im Alltag unterstützt, was zur jetzigen Zeit ein enormes Risiko darstellt. Bei einer derartigen Belastung kann man es sich kaum vorstellen, dass dem Schüler die nötige Zeit und Ruhe bleibt, sich auf seinen Lernfortschritt zu konzentrieren. Vielmehr muss er sich täglich darum bemühen, seiner Familie in dieser schwierigen Situation, so gut es geht, beizustehen und zu helfen.


Wir wollen Sie hiermit im Namen zahlreicher solcher Fälle bitten:
Achten Sie mit Fürsorge auf uns!
Wir sind nicht nur Zahlen in einer Statistik, wir sind Menschen und an unserer Gesundheit hängt das Leben etlicher unserer Familienmitglieder, die uns lieb und teuer sind.
Wir wollen ein faires, gesundes und verantwortungsvolles (Durchschnitts-) Abitur und hoffen, dass sie unseren Kummer und unsere Ängste, aber auch unsere Wünsche ernst nehmen.
Denn „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“
(Arthur Schopenhauer)