Faires Abitur 2020

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Sehr geehrte Frau Senatorin Scheeres,

am Freitag, den 3. April haben Sie beschlossen, dass an der
Durchführung der Abiturprüfungen festgehalten werden soll.

Wir, Schüler*innen des Abiturjahrgangs 2020, unsere Eltern und viele Schulleiter*innen halten diese Entscheidung für falsch. Die folgenden Argumente sprechen für eine Absage der Prüfungen:

 

1. Aspekte des Infektionsschutzes

A) Viele Schüler*innen müssen bei der Anfahrt zu den Klausuren auf die öffentlichen Verkehrsmittel zurückgreifen. Dabei ist nicht nur die Infektionsgefahr für Schüler*innen zwangsläufig gegeben, infizierte Prüflinge könnten durch die Nutzung von Bus und Bahn auch unwissentlich andere Mitmenschen gefährden

B) Insbesondere bei den schriftlichen Prüfungen werden viele Schüler*innen über mehrere Stunden in einem Raum verbringen. Dabei sind die Schüler*innen auch hier einer Infektionsgefahr ausgesetzt. Auch vor und nach den Prüfungen wird es unvermeidbar sein,dass eine große Anzahl an Schüler*innen und Lehrer*innen (zum Beispiel auf den Schulfluren) aufeinandertreffen. Dadurch potenziert sich das Infektionsrisiko abermalig.

C) Die gesundheitlichen Gefahren beschränken sich nicht nur auf die Schüler*innen sondern gelten auch für die Familien der Prüflinge. Infiziert sich eine*r der Schüler*innen, besteht ein hohes Risiko, dass auch andere Familienmitglieder der betroffenen Person erkranken.
Dadurch kann u.a. der Schutz von Familienmitgliedern, die einer Risikogruppe angehören, nicht mehr sichergestellt werden.

 

2. Psychische Belastung


Die Bundeskanzlerin betitelte die Corona-Krise in ihrer TV Ansprache vom 18.03.2020 als
die größte Herausforderung für Deutschland seit dem 2. Weltkrieg.

Die ernste Lage, in der wir uns befinden, hat in ihrer Gesamtheit einen großen Einfluss auf unser aller Leben und bringt eine erhöhte psychische Belastung mit sich. Diese Belastung drückt sich bei vielen Schüler*innen zum Beispiel in Form von Schlafproblemen und
Konzentrationsschwierigkeiten aus. Diese Faktoren beeinträchtigen unsere Lernfähigkeit enorm und haben somit schwerwiegende Auswirkungen auf unsere Abiturvorbereitung.

Durch die wirtschaftlichen Konsequenzen geraten viele Familien plötzlich in eine finanzielle Notlage. Für viele Abiturient*innen stellt dies eine unbekannte Situation dar, dies resultiert durch die mitschwingenden Ungewissheiten und das Gefühl von einer existenziellen Bedrohung in einer beeinträchtigen Leistungsfähigkeit bei den Betroffenen.

Die Angst, sich selbst oder Angehörige als Teil einer Risikogruppe in Gefahr zu bringen ist enorm. Es kann, selbst unter den vorgeschreibenen Maßnahmen nicht sichergestellt werden, dass keine lebensbedrohliche Infektion stattfindet.

 

3. Soziale Ungerechtigkeit

A) Einige Abiturient*innen müssen sich einen Computer oder einen Laptop mit
anderen Familienmitgliedern teilen, was momentan ein größeres Problem darstellt
als unter normalen Umständen, da viele Eltern im Home Office arbeiten und
Geschwister auf Grund der Schulschließungen online unterrichtet werden, es gibt auch nicht an jeder Schule die Möglichkeit Computer auszuleihen.


B) Abiturient*innen, die mit ihren Familien in kleinen Wohnungen wohnen, haben es
deutlich schwerer, konzentriert lernen zu können. Bibliotheken und Schulen haben geschlossen, weshalb es nicht oder kaum möglich ist außerhalb des häuslichen Umfelds zu lernen.


C) Besonders Schüler*innen aus dysfunktionalen Familienverhältnissen erfahren
momentan eine schwerwiegende Benachteiligung. Auch hier wirken sich die
Schließungen öffentlicher Orte wie Bibliotheken negativ aus. Ein gutes und
sicheres Lernumfeld kann nicht gewährleistet werden.

 


4. Organisatorische Mängel


In den letzten Tagen und Wochen haben wir immer wieder neue Informationen zum
diesjährigen Abitur erhalten. Da sich die Informationslage aber ständig und in einem schnellen Tempo ändert, können wir uns schlecht auf die Beschlüsse einstellen.

Aufgrund der verschobenen Klausuren liegen unsere Prüfungen nun viel näher aneinander. Dieser Umstand erschwert ein fachfokussiertes Lernen. Zudem sind wir durch diese Tatsache einem deutlichen Nachteil gegenüber der vorherigen Abiturjahrgänge ausgesetzt, da diese ihre Prüfungen in einem größeren Zeitfenster und zeitlich weiter auseinander ablegen konnten.

 


5. Unterschiede zwischen Schulen und Bundesländern


A) Es besteht ein starkes Ungleichgewicht zwischen den einzelnen Schulen bezüglich des Kontakts zu den Lehrkräften. Einige Abiturient*innen haben während der vergangenen Wochen weiterhin Aufgaben von ihren Kurslehrer*innen erhalten während andere Lehrer nicht einmal auf Fragen geantwortet haben. Diese Disparitäten schaffen Ungleichheiten zwischen Kursen und ganzen Schulen.


B) Obwohl sich schon über einen längeren Zeitraum hinweg abgezeichnet hat, dass Corona auch für Deutschland eine Bedrohung darstellen würde, wurde von öffentlicher Seite bis einen Tag vor der Bekanntgabe der Schulschließungen die Erforderlichkeit dieses Schrittes geleugnet. Die dadurch fehlende Vorbereitung auf die Schulschließungen hatte zur Folge, dass wichtige Vorbereitungsstunden wegfielen und wir noch nicht zurückgegebene
Klausuren nicht mehr mit den Lehrkräften besprechen konnten. Man kann also auch in Berlin davon ausgehen, dass in den letzten anderthalb Wochen noch wichtige Inhalte und Informationen im Unterricht besprochen worden wären.

 


6. Weitere Probleme


A) Schüler*innen, die sich dazu entschieden haben, die 5. Prüfungskomponente in einer Gruppe zu erarbeiten stehen vor einer besonderen Herausforderung, da sie sich nicht mehr mit ihren Mitschüler*innen treffen können. Obwohl digitale Mittel zur Verfügung stehen, ist die Erarbeitung der Präsentation durch diese Tatsache gefährdet. Besonders auch in Fächern wie DS oder Sport machen es unter anderem die Abstandsregelungen unmöglich, die Leistung zu erbringen, die unter den normalen Umständen möglich wäre.


B) Viele von uns übernehmen in der anhaltenden Krise wichtige soziale Aufgaben. Wir versorgen isolierte Personen, die einer Risikogruppe angehören, wie zum Beispiel unsere Großeltern, ältere Nachbarn und beaufsichtigen kleine Geschwister, während unsere Eltern die nicht in symstemrelevaten Berufen arbeiten, im Homeoffice weiterhin Geld verdienen müssen.


Aufgrund dieser Feststellungen sind wir der Überzeugung, dass in diesem Schuljahr keine Abiturprüfungen abgehalten werden sollten. Es wäre in vielerlei Hinsicht verantwortungslos, von den Schüler*innen zu verlangen, unter den gegebenen Umständen die Prüfungen abzulegen. Zum einen stellen die Abiturprüfungen ein erhöhtes gesundheitliches Risiko für die Prüflinge und ihre Familien dar, zum anderen resultieren aus den gegebenen Umständen unfaire Verhältnisse unter den Abiturient*innen und im Vergleich zu vorherigen Jahrgängen. Wir sind zudem durch die aktuelle Situation einer ständigen psychischen Belastung ausgesetzt, wodurch nicht zuletzt unsere Konzentrations- und Lernfähigkeit eingeschränkt ist.

 

Durch das Abhalten der Prüfungen handelt die Bildungspolitik entgegen all den Maßnahmen, die in anderen Lebensbereichen getroffen werden um das Virus einzudämmen

Wir fordern Sie deshalb auf, gesellschaftliche und soziale Verantwortung zu übernehmen und die Abiturprüfungen abzusagen.
Dieses Jahr sollte im Land Berlin den Schüler*innen des Abiturjahrgangs 2020 ein Notabitur auf
Grundlage der Noten von Q1 - Q4 zu verliehen werden. Ausgleichslösungen wie Hausarbeiten oder (digitale) mündliche Abfragen sind dabei nicht ausgeschlossen.

Rückmeldungen und Fragen richten sie bitte an: alternativesabitur@gmail.com